07.09.2023

Stimmt schon! Die Kinder der Babyboomer zahlen die Zeche - wegen deren Fehler

Die Babyboomer, die Generation der zwischen 1955 und 1970 Geborenen, das sind die Mittfünfziger und Endsechziger von heute. Sie haben maßgeblich das Leben in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten mitgeprägt. Es waren alles in allem gute Jahre. Doch erkauft wurden sie zu einem erheblichen Teil mit Schulden.

Dabei genießt der deutsche Staat den Ruf, solider zu wirtschaften als etwa Frankreich oder Italien. Doch das trifft nur auf den ersten Blick zu. Wie der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen von der Universität Freiburg vorrechnet, weist der Staat nämlich nur 2,6 Billionen Euro an Schulden aus. Tatsächlich betrage die Gesamtverschuldung aber 17,3 Billionen Euro. Das entspricht dem 4,5-fachen der jährlichen Wirtschaftsleistung. Mit anderen Worten: Der Staat versteckt seine Verbindlichkeiten.

Finanzierungslücken in Etats nicht berücksichtigt

Die Finanzierungslücken, die wegen der demografischen Entwicklung – immer weniger Beitragszahler, immer mehr Ruheständler – in der Renten-, Pflege und Krankenversicherung drohen, werden vom Finanzminister und Arbeitsminister nicht in ihren Etats nicht berücksichtigt. Anderenfalls müssten sie entsprechende Mittel zurücklegen, also Rückstellungen bilden. Für die ansteigende Belastung durch Pensionszahlungen an Beamte hat der Staat ebenfalls keine nennenswerte Vorsorge getroffen.

Raffelshüschens düstere Prognose: „Entweder werden die Steuer- und Beitragszahler einen immer größeren Anteil ihrer Einkommen an den Staat zahlen müssen, oder die Leistungen werden drastisch zurückgefahren“. Ohne einschneidende Reformen müssten beispielsweise die Krankenkassenbeiträge von 15 auf 28 Prozent und die Rentenbeiträge von 18,6 auf 25 Prozent erhöht werden.

Für Raffelhüschen steht fest: „Die Babyboomer sind die Verursacher des Problems, man muss sie belasten, nicht deren Kinder.“ Allerdings scheue sich die Politik mit Blick auf die alternde Wählerschaft, den heutigen Rentnern und rentennahen Jahrgängen Kürzungen zuzumuten.

Was die Verursacher der Misere angeht, so tragen die Babyboomer zweifellos die Verantwortung für den Geburtenrückgang in Deutschland. Sie haben deutlich weniger Kinder in die Welt gesetzt als ihre Eltern. Das hat nicht zuletzt mit dem Wertewandel zu tun, der sich seit den 1970er-Jahren vollzogen hat.

Babyboomer zu behaglich im Wohlstand eingerichtet?

Die Eltern der Boomer, die Wiederaufbaugeneration, waren noch stark von Disziplin, Pflichtgefühl und Opferbereitschaft geprägt. Für ihre Kinder wurde dagegen Selbstverwirklichung zu einem zentralen Wert. Dabei spielte auch die Emanzipation der Frauen eine wichtige Rolle. Ihre verstärkte Berufstätigkeit war ein Grund für rückläufige Geburtenzahlen; die Zulassung der Pille Anfang der 1960er-Jahre tat ein Übriges.

Die Boomer haben zweifellos die Bundesrepublik von ihrer besten Seite erlebt. Den Schrecken des Krieges kennen sie nur aus Erzählungen der Älteren oder aus Büchern. Kindheit und Jugend waren geprägt durch einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Arbeitslosigkeit war kein großes Problem. Im Ruhestand dürfen die Angehörigen dieser Generation staatliche und betriebliche Altersbezüge in einer Höhe genießen wie keine Generation vor ihnen und sicher auch nicht nach ihnen.

Man kann, wenn man will, den Babyboomer vorwerfen, sie hätten sich im Wohlstand zu behaglich eingerichtet. Sie hätten viele der sich in den vergangenen Jahrzehnten andeutenden Schwierigkeiten nicht ernst genug genommen – weder den Klimawandel noch die finanziellen Folgen der rückläufigen Geburtenzahlen. Deshalb möchte Raffelhüschen sie jetzt für die entstandenen Defizite zahlen lassen.

Boomer haben sich rational verhalten - aber Fehler gemacht

Nun wäre es rechtlich und technisch sehr schwierig, die Angehörigen bestimmter Jahrgänger mit zusätzlichen Steuern oder Abgaben zu belasten. Ganz abgesehen davon: Die Boomer haben sich durchaus rational verhalten. Die Parteien haben ihnen fast ausnahmslos immer größere Wohltaten angeboten. Und als Wähler haben die Boomer zugegriffen. Es wäre freilich weltfremd, von Wählern mehr Weitsicht zu erwarten als von der Politik.

Die hohen Schulden der Bundesrepublik sind eben nicht vom Himmel gefallen. Sie entstanden aufgrund von politischen Beschlüssen, gefasst von durch Wahlen legitimierten Volksvertretern. Nur tilgt die Generation, die Schulden macht, sie meistens nichts selbst. Das überlässt sie gerne Kindern und Enkel. Das hat solange einigermaßen funktioniert, wie genügend Steuer- und Beitragszahler den Staat finanzieren konnten, ohne allzu sehr belastet zu werden. Bei den Kindern der Boomer wird das anders sein.

Weil es ihren Eltern so gut ging und geht, wird es ihnen schlechter gehen. Denn zwei Fehler haben die Boomer definitiv gemacht: Sie haben nicht beachtet, dass der Sozialstaat ständig neue Beitragszahler braucht. Und als Wähler haben sich nicht darauf geachtet, was ihre politischen Entscheidungen für die Zukunft bedeuten – für die Zukunft ihrer eigenen Kinder.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 7. September 2023)


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