08.11.2022

Herr Habeck, wir haben ein Stromproblem!

Die Münchner granteln gerne. Ludwig Thoma hat das in der herrlichen Satire „Ein Münchner im Himmel“ trefflich beschrieben. Zur Zeit dürften sich die Bewohner der bayerischen Landeshauptstadt eher in der Hölle fühlen. Jedenfalls dann, wenn sie Post von den Stadtwerken erhalten. Thema: Der gestiegene Strompreis.

Schon der erste Satz in dem dreiseitigen Schreiben der SWM Versorgungs GmbH lässt Böses erahnen. „Es liegt uns am Herzen, Sie zuverlässig und zu fairen Preisen mit Strom zu versorgen - gerade auch in schwierigen Zeiten,“ heißt es dort. Da weiß der Empfänger, was ihn erwartet: eine Preiserhöhung.

Habeck im Juli: „Wir haben kein Stromproblem“

Aber halt! Warum soll sich denn beim Strompreis etwas ändern? Hat unser Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck nicht noch im Sommer mit treuherzigem Blick unter dem sorgfältig verwuschelten Haar versichert, „wir haben aktuell ein Gasproblem, kein Stromproblem“? Und haben nicht all die grünen und roten Regierungspolitiker denselben Habeck-Refrain angestimmt: kein Stromproblem?

„Kein Stromproblem“, das stellt sich für unseren Münchner heute so dar: Der Bruttopreis von derzeit 24,97 Cent pro Kilowattstunde steigt zum 1. Januar auf 61,98 Cent. Das sind satte 148 Prozent mehr, was die Stadtwerke wortreich bedauern, und zwar „sehr bedauern“. Münchner, die bisher 1500 Euro im Jahr für Strom zahlten, zahlen künftig 3720Euro. Ganz schön teuer, dieses Habecksche Nicht-Problem.

Dabei stieg der Strompreis schon 2021 deutlich an. Wegen der stillgelegten Kernkraft- und Kohlekraftwerke fehlte es an Grundlast. Dieses Defizit musste mit teurem Strom aus Gas ausgeglichen werden. Es war also sehr wohl absehbar, dass Putins „Energiekrieg“ gegen den Westen den Strompreis weiter in die Höhe treiben würde.

Betroffene fühlen sich auf den Arm genommen

Der Münchner in der Strompreis-Hölle fühlt sich zu Recht vom Bundeswirtschaftsminister auf den Arm genommen, um keinem drastischeren Ausdruck zu verwenden. Hat Habeck wirklich nicht gewusst, dass der Strompreis direkt am Gaspreis hängt, weil eben auch das immer teurer werdende Gas für die Stromerzeugung genutzt wird?

Oder tat er nur so, weil er auf keinen Fall die Laufzeit der letzten drei Kernkraftwerke über das Jahresende hinaus verlängern wollte? Wenn es - angeblich - kein Stromproblem gibt, kann man - angeblich - auch auf den deutlich preiswerteren Atomstrom verzichten. Jedenfalls sollten die Deutschen - nicht nur die in München - das glauben.

Unser Münchner ist auf Hundertachtzig. Aber nicht nur er. In ähnlicher „Stimmung“ sind unzählige Deutsche, die ebenfalls schon Post von ihrem Stromanbieter bekommen haben, mit ähnlichen Ankündigungen. Da ist es auch kein Trost, dass die Stadtwerke treuherzig versichern, „etwaige Entlastungen (Strompreisbremse)“ seien noch nicht berücksichtigt. Was nur logisch ist. Denn niemand weiß, wann diese Bremse greifen wird; sicherlich nicht zum 1. Januar.

Unser Münchner will es nicht beim Granteln belassen. Er will den Herrn Bundesminister Habeck an seinem Ärger teilhaben lassen - und zwar schriftlich. Weil der nicht glauben soll, „die Menschen draußen im Land“ hätten längst vergessen, was für einen Strom-Schmarrn er noch vor kurzem verbreitet hat.

Vor kurzem hat Habeck öffentlich darüber geklagt, wie hart seine Mitarbeiter arbeiten müssten: „Die Leute werden krank. Die haben Burnout, die kriegen Tinnitus.“ Ob er damit auch diejenigen in der Kommunikationsabteilung gemeint hat, die die sogenannte Bürgerpost zu bearbeiten haben? Gut möglich, dass die bald viel zu tun haben - mit Briefen aus München und ganz Deutschland. Das wird hart. Wie will man auch erklären, dass „kein Stromproblem“ in vielen Haushaltskassen für große Probleme sorgt?

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 8. November)


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