Presse

08.10.2020 | Bad Homburger Woche

„Über Nacht zu Einwanderern im eigenen Land geworden“

Bad Homburg (a.ber). Um es vorwegzunehmen: Die Stadt Bad Homburg hat gut daran getan, trotz Corona-Beschränkungen zum Festakt „30 Jahre Deutsche Einheit“ in die Erlöserkirche nicht nur handverlesen geladene Gäste einzuladen – immerhin waren unter den 101 Teilnehmern der Feierstunde 80 „normale“ Bürger. Mehr jugendliche Zuhörer hätte man sich gewünscht, und auch ein paar Originaltöne von Menschen aus den neuen Bundesländern zur Befindlichkeit der Ostdeutschen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Und doch gelang in der Feierstunde, unterstützt durch den Bach-Chor der Erlöserkirche, ein würdiges Gedenken, konzentriert auf die Ereignisse 1989/1990, eine Anerkennung der Mutigen, die sich ihre Freiheit friedlich erkämpft hatten, und eine Einordnung der Ereignisse, die weitgehend ohne politische Polemik und Instrumentalisierung des Gedenkens für aktuelle tagespolitische Statements auskam. (…)

„Wir haben nicht nur die Befindlichkeit der Ostdeutschen falsch eingeschätzt. Wir im Westen haben auch nicht erkannt, welch große Anpassungsleistung den Menschen abverlangt wurde. Die Ostberliner, Leipziger oder Dresdner wurden nach 1989/90 quasi über Nacht zu Einwanderern im eigenen Land. Nichts war mehr wie vorher“: So der Publizist Dr. Hugo Müller-Vogg in seiner Festrede. Müller-Vogg skizzierte das Handeln der DDR-Bürgerrechtler im Herbst 1989 und würdigte Weltpolitiker wie Gorbatschow, Kohl und Genscher, die die Chance zur Wiedervereinigung Deutschlands 1990 nutzten.

Viele Missverständnisse

Außer den Schwierigkeiten wirtschaftlicher Art, die sich nach der Währungsunion in den neuen Bundesländern erst in ihrem ganzen erschreckenden Ausmaß gezeigt hätten, hätten auch die unterschiedliche Mentalität und Geschichte der Ost- und Westdeutschen „zu vielen Missverständnissen, zu Überheblichkeit in den alten und zu Minderwertigkeitsgefühlen in den neuen Ländern“ geführt. Der Festredner sprach mit Respekt von den Bürgern der ehemaligen DDR. „Die DDR war ein Unrechtsstaat. Aber die Bürger der DDR haben trotz dieser widrigen ‚Rahmenbedingungen‘ kein sinnloses Leben geführt. Sie haben im Vergleich zu Ostblockstaaten wie Polen oder Ungarn ihr eigenes kleines Wirtschaftswunder zustande gebracht. Sie haben im Sport und manchen wissenschaftlichen Disziplinen Weltniveau erreicht. Dass sie darauf auch nach dem Fall der Mauer weiterhin stolz waren und stolz sind, liegt eigentlich nahe.“

Es gebe bei den Ostdeutschen im Blick zurück viele positive Erinnerungen – an Familie und Freunde, an einen nicht gerade gut bezahlten, aber sicheren Arbeitsplatz, an eine Gesellschaft, in der es weniger Wettbewerb, weniger Ungleichheit und weniger Neid gegeben habe – abgesehen vom Klassenunterschied zwischen der SED-Nomenklatura und den Werktätigen. Und doch hätten die Ostdeutschen bei der ersten freien Volkskammer- Wahl im März 1990 die Weichen selbst in Richtung freie Marktwirtschaft gestellt. „Jenseits aller materiellen Fortschritte ist das Kapitel ‚Freiheit‘ aber das allerwichtigste der Erfolgsgeschichte der Wiedervereinigung“, sagte Hugo Müller-Vogg. Und wenn heute auch in den neuen Ländern gegen Corona- Einschränkungen demonstriert werde, dann sei das – ungeachtet der Qualität mancher Argumente – der Beleg, dass die Einheit in Freiheit Realität geworden sei. (…)

(Quelle: Bad Homburger Woche vom 08. Oktober 2020)



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