Presse

20.12.2016 | Wiesbadener Kurier

Konkretes wichtiger als abstrakte Modelle

„Wolfgang Bosbach lebt im und durch das Gespräch. Nicht zuletzt durch Talkshows und Interviews ist er – obwohl „einfacher" Bundestagsabgeordneter - einer der bekanntesten Politiker der Nation. Und selbst zum Abschied aus dem Parlament 2017 zieht er seine Bilanz nicht in analytischer Prosa, sondern legt den „Endspurt" im lockeren Gespräch mit dem früheren FAZ-Herausgeber Hugo Müller-Vogg hin.

Das Buch malt gleichwohl kein oberflächliches Bild, sondern das vielschichtige Porträt eines typischen und doch ungewöhnlichen Politikers. Einerseits hat er die klassische „Ochsentour" hinter sich. Erst Junge Union. Lange Mühen, auch Niederlagen in der Kommunalpolitik. Nun seit über 20 Jahren im Bundestag. Vom Hinterbänkler zum Innenausschuss-Vorsitzenden. Aber nie ein Regierungsamt, obwohl seine Partei, die CDU, die meiste Zeit an der Macht war.

Das hat womöglich mit den untypischen Seiten Bosbachs zu tun. Angela Merkel hat ihn nach seiner Schilderung früh wegen nicht ganz zuverlässiger Linien treue als nicht ministrabel aussortiert. Die Richtigkeit dieses Urteils hat der Rheinländer inzwischen mehrfach bestätigt. In Sachen Eurorettung und Griechenland-Krediten hat er der Parteilinie ebenso widersprochen wie in der Flüchtlingsfrage 2015. Dabei hält der Verfechter sogenannter „Sekundärtugenden" die Forderung nach Fraktionsdisziplin für absolut legitim. Abweichung behält er sich nur in „Gewissensfragen" vor, worunter für den Katholiken zum einen ethische Entscheidungen, etwa über Sterbehilfe und Abtreibungsrecht, fallen. Aber auch große Zukunftsfragen der Gesellschaft, siebe Euro und Zu wanderung. Auch selbst gemachte Erfahrungen lassen ihn aus Gewissensgründen gegen Partei oder Koalitionsräson revoltieren. So hat er im Erbschaftsrecht gegen die steuerliche Gleichstellung von Geschwistern, Nichten und Neffen mit „fremden Erben" gestimmt, weil er Fälle im Kopf hatte, wo Geschwister zusammenlebten und der eine beim Tod des anderen das Haus verkaufenmusste, um die Steuer aufzubringen.

So tickt der selbstverortete Konservative Bosbach. Immer mehr das Konkrete im Blick als abstrakte Modelle. Da Jurist weiß, wenn es auch lange zurück liegt, wie Leben außerhalb der Politik aussieht. Kaufmannslehre, Supermarktleiter, Abitur auf zweitem Bildungsweg. Studium. Rechsanwaltszulassung. Natürlich ist er inzwischen Berufspolitiker, auch wenn er es nicht wahrhaben will. Aber von den vielen nackrückenden Kollegen, die direkt vom Hölsaal in den Plenarsaal wechseln, unterscheidet er sich eben doch. Was wohl auch wesentlich seine demonstrierte Unabhängigkeit erklärt. Die fällt ihm wenige Monate vor dem selbst gewählten Karriereende immer leichter. Aber sein Verständnis von Verantwortung als Abgeordneter sollte im Parlament erhalten bleiben.“

(Quelle: „Wiesbadener Kurier“ vom 20.12.2016)



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