Presse

04.10.2016 | www.handelsblatt.de

Endspurt eines Unbequemen - von Thomas Schmelzer

Der CDU-Rebell Wolfgang Bosbach verlässt wegen seiner Krankheit die Politik. Zum Abschied legt er sein Buch „Endspurt“ vor. Bei der Vorstellung in Berlin zieht er mit Edmund Stoiber Bilanz – und warnt vor der alternativlosen Politik der Bundeskanzlerin.

Berlin. Es dauert eine Weile, aber dann macht Wolfgang Bosbach das, wofür er von den Medien und vielen Bürgern so geliebt wird. Bosbach sitzt auf einer kleinen Bühne im Berliner Humboldt-Carré. Neben ihm: Edmund Stoiber und der Journalist Hugo Müller-Vogg. Vor ihm: knapp 100 Zuhörer – Mitarbeiter, Journalisten, Politiker. Eine Stunde hat er mit Stoiber und Müller-Vogg über sein Leben gesprochen, über die CDU und sein neues Buch. Dann sagt er: „In der Politik sind Entscheidungen nicht alternativlos. Alternativen gibt es immer. Und darüber muss man in einer Partei auch offen sprechen.“ Es passiert selten, dass Politiker der Union ihre Kollegen offen angehen. Gegen die Kanzlerin traut sich im Normalfall erst recht niemand aus der Deckung. Außer Wolfgang Bosbach. Er hat das offene Wort zu seinem Markenzeichen erhoben. In Talkshows forderte der Rheinländer schärfere Sicherheitsgesetzte und widersprach der Flüchtlingspolitik Merkels. Im Bundestag stimmte er gegen die griechischen Rettungspakete – und damit gegen seine eigene Fraktion.

Vor einigen Wochen kündigte Bosbach nun seinen Rückzug aus der Politik an. Wegen seiner Krebserkrankung, aber auch, weil er die Haltung der CDU nicht mehr mit der nötigen Überzeugung vertreten könne. Sein Abschiedsbuch ist ein 269 Seiten langes Gespräch mit Hugo Müller-Vogg über sein privates und politisches Leben geworden.

Bei der Vorstellung im Humboldt-Carré tritt zuerst Edmund Stoiber ans Mikrofon. Bosbach und er sind seit vielen Jahren befreundet, beide lieben die politische Rauferei. „Wir sind Brüder im Geiste“, sagt Stoiber. Bosbach sei einer der wenigen Politiker, die sich nicht um Political Correctness kümmerten und aussprächen, was viele Leute wirklich umtreibe.

Als Talksshow-Gast ist Bosbach damit beliebt geworden, in seiner Partei stieß er auf Widerstand. Davon erzählt Bosbach in der anschließenden Diskussion. Nach dem Wahlsieg gegen Schröder im Jahr 2005 hoffte er, Innenminister zu werden. Doch man fragte ihn, welches Ministerium er sich stattdessen vorstellen könne. Bosbach winkte ab – und spekulierte stattdessen auf den Fraktionsvorsitz. Am Ende bekam er keinen der beiden Posten. Er blieb stellvertretender Fraktionsvorsitzender. „Da war ich natürlich enttäuscht“, sagt er. „Aber nach ein paar Tagen geht das dann auch wieder.“

Statt ein hohes politisches Amt antreten zu dürfen, behielt Bosbach so seine innere Freiheit. Immer mehr wuchs er in die Rolle der innerparteilichen Ein-Mann-Opposition hinein. Zuletzt legte er sich in der Flüchtlingspolitik mit der Kanzlerin an.

Für Stoiber ist Bosbach damit wichtiger als so mancher Minister. „Wir haben einen Vertrauensverlust in die Politik – und das liegt auch daran, dass wir manche Positionen aus Gründen der Political Correctness gar nicht mehr diskutieren“, sagt er. Bosbach sei einer gewesen, der diese Lücke gefüllt habe. „Davon gibt es viel zu wenige in der Politik.“

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Was Stoiber damit meint, wird klar, als Bosbach von seinem Auftritt am Vortag im sauerländischen Drolshagen erzählt. Nach seiner Rede sei dort ein großer, kräftiger Mann auf ihn zugekommen, erzählt Bosbach. Er sei Gewerkschaftssekretär, habe immer SPD gewählt und werde auch immer SPD wählen, habe der gesagt. Und dann: „Wisst ihr eigentlich in Berlin, was die einfachen Leute so denken?“ Dann habe ihm der Mann von seinen Sorgen erzählt.

„In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es ja diese zwei großen Gruppen: Pegida-Anhänger und Flüchtlingsfreunde“, sagt Bosbach nun in Berlin. Aber das sei falsch. Es gebe eine dritte Gruppe. Leute, die neutral seien, sich aber fragten, ob Deutschland so viele Menschen aufnehmen könne, was mit dem Wohnungsbau sei, wie die Integration vor Ort funktioniere.

ANZEIGE Diese Fragen müsse man ernst nehmen, das sei auch das beste Mittel gegen die AfD. „Wenn wir dagegen ausblenden, was ein großer Teil der Bevölkerung denkt, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Leute zu einer Partei gehen, die dafür sorgt, dass darüber diskutiert wird.“

(Quelle: www.handelblatt.de vom 4. Oktober 2016. Ebenfalls erschienen auf www.wiwo.de)



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