Presse

12.1.2004 | Tagesspiegel

Mädel war einmal

Angela Merkel perfektioniert die öffentliche Darstellung ihrer Karriere

Von Tissy Bruns

Die Klügere gibt nach – aber nur, wenn die Verhältnisse es verlangen. Gestern vor zwei Jahren ist Angela Merkel nach Wolfratshausen gereist, zum Kanzlerkandidatur-Verzichtsfrühstück bei Edmund Stoiber. Seit einem guten Jahr fährt sie die Ernte dafür in die Scheuer. Teil des reichen Segens ist ein Buch, das heute der Presse vorgestellt wird: „Mein Weg. Angela Merkel im Gespräch mit Hugo Müller-Vogg.“ Denn man muss noch keine Zeile gelesen haben, um zu wissen, dass die CDU-Vorsitzende mit diesem Buch wieder einmal im Begriff ist, ihr Terrain zu festigen. Der Publizist Hugo Müller-Vogg, vormals langjähriger Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, tritt seit zweieinhalb Jahren vor allem als Kommentator von „Bild“, „Welt am Sonntag“ und „BZ“ in Erscheinung. Man darf ihn also getrost als Repräsentanten des medialen und unionsinternen Milieus ansehen, das vor zwei Jahren davor gezittert und gebangt hat, dass Merkel ernst machen könne mit ihrem Anspruch auf die Kanzlerkandidatur. Und sehr erleichtert war, als der bayerische Ministerpräsident nach der Reise nach Wolfratshausen als Unions-Kandidat aufs Schild gehoben war.

Neun intensive Interviews hat Müller- Vogg im letzten Dreivierteljahr mit Angela Merkel geführt. Das Buch in Fragen und Antworten hat den Nachteil aller Gesprächsbücher. Müller-Vogg räumt ihn in seiner Einleitung ein: „Die Befragte ist insofern Herrin des Verfahrens, als sie sich nur insoweit festlegt, wie sie sich festlegen will.“ Und das ist eine Kunst, die Merkel inzwischen beherrscht. Insoweit, kann man Müller-Voggs ehrliche Einleitung weiterspinnen, ist das Buch so langweilig wie glatt geschliffene Politiker-Interviews auf über 250 Seiten eben langweilig werden können. Aber Recht hat der Interviewer auch damit, dass diese Form den Vorteil des authentischen Wortes hat. Die CDU-Chefin nutzt die Bühne, die Müller-Vogg ihr bietet: Sie spricht mit ihrem Publikum, vor allem mit dem in ihrem Umfeld und in der Union, für die eine evangelische Frau aus Ostdeutschland keine geborene Parteivorsitzende oder Kanzlerkandidatin ist. Weil Herkunft und Aufstieg Merkel als ungewöhnlichste Erscheinung im Kreis des bundesdeutschen Spitzenpersonals ausweisen, ist das Buch ein Dokument für professionelle Leser, eine wichtige Zwischenaufnahme einer erstaunlichen politischen Karriere.

Das Heranwachsen der Pfarrerstochter in der DDR, ihre Laufbahn als Physikerin, der Aufstieg nach der Wende, das Verhältnis zum politischen Ziehvater Kohl nehmen in den Interviews den Raum ein, den sie für ihren Weg hatten. Gegenüber den Merkel-Biographien der Journalisten Wolfgang Stock (2000) und Evelyn Roll (2001) findet sich nichts umstürzend Neues; womöglich hat Roll den Lebensdrang der jungen Frau in der DDR sogar feiner beschrieben als die entschlossene Politikerin von heute ihn darstellen kann. Aber auch bei diesen schon ausgeleuchteten Abschnitten von Merkels Geschichte hat der Gesprächspartner Müller-Vogg einen interessanten Vorteil: Er stellt die Fragen, die als Unbehagen oder Vorurteile in den Milieus der Union rumoren, die sich eine wie Angela Merkel allenfalls als Partei-Chefin in der Not, kaum aber als Kanzlerin mit der ganzen Macht vorstellen können. Hat sie ihren berühmten Aufruf zur Emanzipation von Kohl im Dezember ’99 wirklich veröffentlicht, ohne den damaligen Parteichef Wolfgang Schäuble zu informieren? „Er hat nichts davon gewusst.“ Hatte Merkel damals womöglich schon Kenntnis von der Schreiber-Spende an Schäuble, weshalb Schäuble sie für den „FAZ“-Artikel nicht habe abstrafen können? „Beides hatte nichts miteinander zu tun.“

Angela Merkel hat die öffentliche Darstellung der Stationen ihrer Laufbahn mit diesem Interview perfektioniert. Sie ist innerlich fertig mit ihrer Rolle als Kohls Mädchen, mit dem Aufstieg aus der Krise der Union, der Überwindung und Teil-Rehabilitation des Übervaters. „Alles in allem“, fragt Müller-Vogg, „sind sie Kohl dankbar?“ Merkel, selbstbewusst und abgezirkelt: „Ich habe Kohl viel zu verdanken, und dennoch finde ich das Wort Dankbarkeit in diesem Zusammenhang nicht passend. Denn ich habe etwas geleistet. Mir wurde nichts geschenkt.“

Auf zwei Gebieten liefert das Gesprächsbuch neue Einblicke. Müller-Vogg befragt die „neue“ Angela Merkel, die Parteichefin, die nicht zaudert und als konturlos gilt, sondern in ihrer Partei ein neues Profil zwischen Marktwirtschaft und sozialem Ausgleich durchgesetzt hat. Und viel unbefangener (und nicht durchweg abgezirkelt) äußert sich Merkel zu den Fragen, die in ihrem Fall doch am allermeisten interessieren. Eine Frau an der Spitze – kann die das, und wie macht sie es? Inklusive Frisur, Tränen als Waffe, öffentlicher Inszenierung, Schwäche und männermordender Machtausübung. Müller-Vogg, Lichtjahre vom Verdacht feministischer Anwandlungen entfernt, stellt die Fragen danach so, wie sie sich der Anhängerschaft einer männerdominierten christlichen Volkspartei eben stellen. Ein interessanter Dialog. Es antwortet eine Frau, die nicht in Abrede stellt, dass es den feinen Unterschied gibt.

Merkel entwirft von sich das Bild der Vorsitzenden einer Volkspartei. Der christlichen wohlgemerkt, in die sie sich in den Wendejahren nicht zufällig verirrt, sondern folgerichtig begeben hat. Sie will Deutschland auf die unvermeidliche „Bergtour“ führen. Anders als ihr Gesprächspartner spricht sie dabei lieber vom „herrlichen Blick vom Gipfel“ als vom steinigen Anstieg. Sie definiert das Soziale neu und macht sich angelegentlich lustig über die Vertreter der „reinen Lehre“ (dabei natürlich nicht über Friedrich Merz). Sie handelt außenpolitisch aus Überzeugung und mit erwünschten Nebenwirkungen: „Frauen können mindestens so hart und durchsetzungsfähig sein wie Männer, wie dann ja auch zum Beispiel in der Irakdiskussion klar wurde.“ Sie bekennt sich als Urheberin des Wortes: „Als Frau muss man mehr Gelassenheit zeigen – und dann zuschlagen.“

Der Dialog zur K-Frage, die vor zwei Jahren so heiß umkämpft war, ist übrigens kurz. Frage Müller-Voggs: „Kann eigentlich jemand mit Aussicht auf Erfolg versuchen, Ihnen als Partei- und Fraktionsvorsitzender die Kanzlerkandidatur 2006 streitig zu machen?“ Antwort Merkel: „Gegen den erklärten Willen der Parteivorsitzenden?“ Müller-Vogg: „Ja.“ Merkel: „Nein, das hieße auch den Parteivorsitz infrage zu stellen.“

Hierauf erklärt sich Müller-Vogg bereit zu wetten, dass sie es wird.

Angela Merkel: Mein Weg. Angela Merkel im Gespräch mit Hugo Müller-Vogg. Hoffmann & Campe, Hamburg 2003. 250 S. 19,90 Euro.

(Tagesspiegel)



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