Presse

24.9.2005 | Tagesspiegel

Auguren der Asche

Wer will mit wem warum? Überall Rauch, kein Feuer – die Woche eins nach der Wahl, eine Woche des Sondierens und Spekulierens

Von Axel Vornbäumen

„Die 90 muss sie bringen“, sagt Hugo Müller-Vogg und reckt sich dabei ein wenig, weil es in diesem Moment auch für ihn ganz gut wäre, ein bisschen größer zu sein als sonst. „Die 90, sonst wird das nichts.“ Nun steht er mittenmang im Pulk, der seit geraumer Zeit schon vor der Tür des Fraktionssaals der CDU/CSU, Ebene Drei, Reichstag, Berlin-Mitte, lauert, und es bewegt sich was. Gleich wird zu Protokoll gegeben werden, mit welchem Ergebnis Angela Merkel von den Ihren als Fraktionschefin bestätigt worden ist. Hugo Müller-Vogg sieht gerade nicht viel.

Er hat sein dunkelgrün-dunkelblau-kariertes Jackett an. Es sieht ein wenig konservativ aus. Man tritt Hugo Müller-Vogg nicht zu nah, wenn man behauptet: Er ist sehr konservativ. Er ist Publizist, Kolumnist, Merkel-Gesprächsbiograf, er schreibt in der „Bild“-Zeitung. Er schreibt viel. Und oft im Fernsehen ist er auch. Es kann als ziemlich sicher gelten, dass der Kanzler am vergangenen Sonntag in seinem endorphinalen Furor auf die „vermachteten Medien“, gegen die er, Schröder, hat erbittert ankämpfen müssen, auch Hugo Müller-Vogg mit ins Gebet genommen hat. Einmal, da war es Ende August und aus Oslo wurde bekannt, dass Schröder für den Friedensnobelpreis nominiert worden ist, hat Müller-Vogg in einem für Bild-Verhältnisse eher länglichen Text erklärt, dass dies doch schwer nach einer „gut organisierten Wahlkampagne“ rieche. In dem Stück verstieg sich der Kolumnist sogar dazu, Willy Brandts Einsatz für das Hitler-Opfer Carl von Ossietzky, 1935, als „Wahlkampf“ zu bezeichnen. Hugo Müller-Vogg hätte sehr gerne, wenn Angela Merkel Bundeskanzlerin geworden wäre.

Dann müsste er schreiben, dass das nichts mehr wird mit ihr. Er müsste Merkel opfern. Das würde er tun, am zweiten Tag nach der Wahl. Das hieße dann: Vorteil Schröder. Satzball. Ja, so brutal ist das Geschäft mit der Politik. Müller-Vogg weiß das, alle wissen um die unerbittlichen Spielregeln des Absurden in diesem unruhig in Berlin hin und her schlingernden politisch-publizistischen Gesamtkörper, Spieler und Beobachter. Sie haben sie ja selber aufgestellt. Es ist eine Art Wettbewerb der Fassadenmalerei. Am besten, man trägt erst mal dick auf. Wäre nicht gut, wenn der Putz zur Unzeit schon zu bröckeln begänne.

Das tut er nicht. Wie auch? Es ist ja erst Dienstag, nicht mal 18 Uhr, die Wahllokale sind noch keine 48 Stunden geschlossen. Das Volk, der Souverän, hat am Sonntag so merkwürdig und unerwartet gewählt, dass nun noch immer alle ihre Empfindungen sortieren müssen, mal laut, mal leise, beileibe nicht immer souverän. Nichts ist klar. Und weil nichts klar ist, ist alles möglich und alles kann behauptet werden: Die Mehrheit ist links, und sie ist für Reformen und für Schröder und für Merkel und für Ampel, und Jamaika ist möglich, und Oskar geht auf Rot-Grün zu, wer weiß.

Dienstag also. Angela Merkel erhält von ihrer Fraktion 98,64 Prozent, 219 von 222 abgegebenen Stimmen. Ihr Generalsekretär, Volker Kauder, sagt: „Der Herr im Kanzleramt muss sich warm anziehen.“ Mehr muss Kauder gar nicht sagen, er hat den Sinn der Übung damit sehr prägnant zusammengefasst.

Müller-Vogg schreibt anderntags, dass Angela Merkel danach ihr schönstes „Angie“-Lächeln gezeigt habe.

Es ist überhaupt viel von Lächeln die Rede oder von Lachen, in den ersten Nachwahl-Tagen, von Äußerlichkeiten und Imponiergehabe. Der publizistische Teil des Berliner Komplexes hat sich weitgehend stillschweigend und auch noch ein wenig unter Schock darauf geeinigt, dass es sich im Falle Gerhard Schröders um ein „Raubtier-Lachen“ handele. Und natürlich ist auch dies wieder ein elementarer Bestandteil des Fassadenmalwettbewerbs, das Lachen, die Bewertung. Und noch ist zu diesem Zeitpunkt das finale Urteil nicht gefällt, ob sich die Gesetze der freien Wildbahn so ohne weiteres unter die Berliner Käseglocke transponieren lassen.

Das Ringen um die Deutungshoheit läuft zu diesem Zeitpunkt auf Hochtouren, der Kampf um die Interpretation des Wahlergebnisses, um Sieg und Niederlage, um das Image des Siegers und das des Besiegten und um die „Referenzfolie“, wie einer sagt – um die Frage also, ob man nun das Wahlergebnis von 2002 zum Maßstab nehme oder doch die demoskopische Wahrnehmung aus dem Mai 2005, als der Kanzler am Ende und die Union vor der absoluten Mehrheit zu stehen schien. Mit Chuzpe hat das alles recht viel zu tun, beiderseitig. In der SPD-Fraktion, nur so zum Beispiel, verteilen sie Zettel, vier Seiten stark, auf denen so ziemlich alles zusammengekratzt ist, was ein Genosse braucht, wenn er vor dem Mikrofon begründen muss, warum CDU und CSU zwei unabhängige Parteien sind, die Kreuther Spaltungsdrohungen von 1976 inklusive. Wichtig wäre das für die SPD, in ihrem Anspruch den Kanzler (doch noch) zu stellen oder ihn in Verhandlungen mit den Schwarzen als Dispositionsmasse zu verwenden. In ferner Zukunft.

Und aus der Union koffern sie zurück. Sehr konzentriert. Sehr kalt. In Gestalt des Fraktionsvize Ronald Pofalla etwa, treuer Merkel-Jünger. Pofalla sagt, Schröder würde sich im Kanzleramt „einmauern“. Was im politisch-publizistischen Berliner Komplex übrigens hinter geschlossenen Türen sportlicher genommen wird, als man gemeinhin annehmen möchte. Selbst Guido Westerwelle, am Wahlsonntag als Elefant in besagter TV-Runde höchstselbst noch liberaler Geschmacksbeauftragter, der hier aus Platz- und Gewichtsgründen leider keine weitere Rolle spielen kann, wird mit mildem Achselzucken bedacht, als er behauptet, die SPD-Genossen im Allgemeinen und Klaus Wowereit im Besonderen könnten sich vor dem Thomas-Dehler-Haus in Berlin-Mitte „anketten“ – er würde nicht mit ihnen reden. Natürlich ist das eine Anspielung auf das Grußwort Wowereits für ein Sado-Maso-Fest vor einiger Zeit, und man denkt, wie frei und liberal das Land doch geworden ist und wie schön es ist, dass die Zeiten vorbei sind, noch gar nicht so lange her, da man über fünf Stunden mit Westerwelle beim Wein saß und er erklären musste, sehr plausibel, warum er mit seiner Homosexualität nicht an die Öffentlichkeit gehen könne.

Das ist nun in Sachen Westerwelle doch ein bisschen weitschweifiger geworden, passt aber ganz gut, weil als wichtiger Bestandteil für die angesprochene „Deutungsphase“ auch die vorläufige (Westerwelle) respektive endgültige (Joschka Fischer) Verabschiedung vom Machtanspruch wichtiger Figuren gehört. Die ersten „Player“ steigen aus, genau die, die sich in besonders herzlicher Abneigung verbunden sind, was weniger eine Ironie des Schicksals ist. Es liegt an der fundamentalen Veränderung der Parteienlandschaft, in der es in Zukunft schwerer wird, dass ein Großer mit einem Kleinen in Ruhe überhaupt koalieren kann. Fischer übrigens ist an jenem Dienstag wirklich erst mal „nach Hause“ gegangen, was so mancher auch als subtiles Zeichen an Gerhard Schröder wertet, da der zu Wahlkampfzeiten in kleineren Runden ja auch schon mal mit dem trauten Heim – Sieg oder Viktoria – kokettiert habe und nun doch den Anschein erweckt, beides miteinander verbinden zu können: „Sieg und Viktoria“.

Irgendwann im Oktober erst, nachdem sie in Dresden I gewählt haben und der Bundeswahlleiter endlich, endlich das amtliche Endergebnis bekannt gegeben hat, sagt einer aus dem engsten Zirkel der Macht, werde diese „Deutungsphase“ zu Ende sein und in eine „Findungsphase“ übergehen. Keine Sorge. Die präsumtiven Großkoalitionäre treffen sich dann auf Augenhöhe, na fast. Aber soweit ist es noch nicht, längst nicht.

Noch geht es um Lächeln, um Lachen, um Körperhaltungen, auch das „Alpha-Tier“ ist wieder da, ergänzt um das „Beta-Tier“, eingeführt in das politische Bewertungsschema diesmal von Ludwig Stiegler, dem Fraktionsvize der SPD, der den Ruf nach einem starken Mann in schwierigen Zeiten gerne ins öffentliche Bewusstsein implantieren würde – und in das der Genossen auch. Redlich ist das Ansinnen, aus Genossensicht jedenfalls, doch am Ende der Woche kommen Zweifel, ob es zu mehr reichen wird als zu einer Momentaufnahme. Ja, sagt einer aus der Fraktionsspitze, der Dank an Gerhard Schröder sei unendlich. Alle, wirklich alle hätten das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein – doch im Grund sei das Ergebnis geschönt: „Die Partei“, sagt er, „ist warme Asche.“

Ist da etwa kein Feuer mehr, nur noch Rauch? Franz Müntefering hat sich einen seiner unvermeidlichen Zigarillos angezündet. Er steht auf der Dachterrasse des Museums für Verkehr und Technik, es ist Mittwoch, Tag 3 nach der Wahl, ein warmer Sommerabend. Gerade hat er einen Beitrag zum 50. Jubiläum der Bundeswehr gehalten. Sicherheitspolitik ist nicht sein Lebensthema, aber soviel Handwerk hat er drauf, dass er vor dem überwiegend uniformierten Auditorium die Bedeutung der Wehrpflicht hervorhebt, was postwendend beklatscht wird. Zwei Meter entfernt von Müntefering, erste Reihe, hat der Kanzler gesessen und versucht, so zu tun, als höre er zu. Fast hätte er seinen Klatsch-Einsatz verpasst, als Müntefering auf die Wehrpflicht zu sprechen gekommen war. Gerhard Schröder wirkte matt, ausgelaugt, da war mit einem Mal überhaupt nichts Raubtierhaftes mehr. Es wäre ihm zu gönnen gewesen, wenn er an diesem Abend früh zu Bett hätte gehen können. Aber das ging wohl nicht.

Franz Müntefering steht also auf der Dachterrasse und erzählt, wie er den Parteien einen Brief geschrieben hat, um sie zu Gesprächen einzuladen, die CDU, die FDP, die Grünen und die CSU, wobei die Reihenfolge der Stärke der erzielten Wahlergebnisse entspreche, falls das jetzt jemand nicht bemerkt haben sollte. Wie die FDP das Werben um ein Gesprächsangebot brüsk zurückgewiesen habe und dies zeitgleich auch der Nachrichtenagentur dpa übermittelt habe und wie er, Müntefering, das wiederum für undemokratisch halte, weil in einer Demokratie jeder mit jedem reden müsse, die PDS mal ausgenommen. Wie die Union, nein, die CDU, in ihrer Antwort ein gemeinsames Erscheinen mit der CSU angekündigt und gleichzeitig darum gebeten habe, doch auf Stellvertreter zu verzichten, was ihm, Müntefering, „schon aus Kostengründen“ sehr recht gewesen sei.

Nett erzählt er das, sauerländisch trocken mit diesen typischen kurzen Müntefering-Sätzen, die fast immer tonlos enden. Doch schnell wird klar: Hochpolitisch ist das auch und taktgebend soll es sein. Denn natürlich zählen selbst die in der Woche begonnenen „Sondierungsgespräche“ eher noch zur „Deutungsphase“ – „Beschäftigungstherapie“ sagt ein anderer, der ebenfalls zum inneren Zirkel der Macht gehört. Ein wenig despektierlich ist das vielleicht. Aber es trifft.

Franz Müntefering erzählt dann noch, dass er sich nicht großartig vorbereiten muss auf das am anderen Tag stattfindende „Sondierungsgespräch“ mit Merkel und Stoiber, weil das Ziel ja ohnehin klar sei: 1. Wir wollen regieren. 2. Mit Gerd Schröder. 3. Und dabei möglichst viel von unserem Programm umsetzen.

Viertens wäre jetzt interessant, falls zweitens nicht klappt. Viertens ergänzt man also: aber wenigstens ohne Merkel.

Nein, sagt Franz Müntefering, und der Zigarillo ist schon bedrohlich kurz. Nein, er könne ja bekanntlich nur kurze Sätze. Und der sei entschieden zu kompliziert.

Noch deutet also nicht viel auf den „Grand ohne Zweien“, den ein erklecklicher Teil der publizistischen Findungskommissionen mittlerweile als Königsweg favorisiert, Schröder weg, Merkel weg, irgendwann, wenn die „Findungsphase“ beginnt, die auch mit der Selbstfindung von Alpha- und Beta-Tieren zu tun hat. Der SPD würde das zupass kommen, weil sie sich nicht unter die gefühlte Wahlverliererin Angela Merkel in eine große Koalition ducken müsste, was genossenintern ohnehin schon schwer genug ist. Und Edmund Stoiber auch. Von ihm ist zur Wochenmitte ein weiteres Bonmot in Umlauf gebracht worden, das gute Chancen hat, die berühmte „Leichtmatrosen“-Qualität zu erreichen. Stoiber soll in kleinem Kreis die „physikalische Art“ gestört haben, mit der die Union ihr Wahlprogamm verfasst habe. Und das ist eine so schöne Formulierung, dass der Bayer möglicherweise auch erst verspätet Gefallen daran gefunden haben mag. Als er jedenfalls am Donnerstag nach dem ersten „Sondierungsgespräch“ mit dem Duo Müntefering/Schröder gefragt wird, wie das nun mit der „physikalischen Art“ sei, sagt er nur, man solle nicht alles glauben, was in der Zeitung stehe. Physikalisch ausgedrückt ist das eher niedrige Dementi-Dichte.

Die Fassaden halten also noch, zum Ende der Woche. Haarrisse allenfalls bei der Union, erste kleinere Löcher bei der SPD. Allemal Zeit genug, sich der wahren Malerei zu widmen, wenigstens für eine gute halbe Stunde. Gerd Schröder tut das. Am Donnerstagabend ist er in der Neuen Nationalgalerie bei der Ausstellungseröffnung seines Freundes Jörg Immendorff. Er muss hier nicht Raubtier sein. Und müde ist er diesmal auch nicht. Und alle die, die gekommen sind, um nach Rissen in der Fassade des Gerhard Schröder zu suchen, nach ersten Hinweisen darauf, dass sein Spiel, das „Caesaren“-Spiel, wie „Bild“ es sieht, alsbald ein Ende haben könnte, sie finden – nichts.

Oder doch? Es ist ein amüsanter Abend. Voll von Anspielungen, wohin man auch guckt. „Deutschland in Ordnung bringen“ heißt ein Werk Immendorffs. Eines aus seiner Rechtfertigungsserie trägt den Titel: „Ich wollte Künstler werden“ und die ins Bild hinein geschriebene Erklärung: „Ich träumte davon, in der Zeitung zu stehen, von vielen Ausstellungen, und natürlich wollte ich etwas ,Neues’ in der Kunst machen. Mein Leitfaden war der Egoismus.“

Ja, das passt. Und dann redet Schröder und zitiert Rilke, das hat er oft getan, die ersten Zeilen aus seinem Lieblingsgedicht „Herbsttag“: „Herr, es ist Zeit./ Der Sommer war sehr groß./Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,/und auf den Fluren lass die Winde los.“

Daran, sagt Gerhard Schröder, arbeite er gegenwärtig.

(Tagesspiegel)



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Müller-Vogg am Mikrofon

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