15.09.2022

Beim Energiesparen sind Kretschmann die Bürger nicht mündig genug

Politiker sprechen gerne vom „mündigen Bürger“, der schon weiß, was dem Land gut tut – und ihm selbst auch. Freilich scheinen viele Wähler nur über ein selektives Urteilsvermögen zu verfügen. Mindestlohn, Schuldenbremse, Nato-Mitgliedschaft – das sind Themen, bei denen angeblich jeder Bescheid weiß. Wer zudem den feinen Unterschied zwischen Streckbetrieb und Reservemodus kennt, hat freilich nicht mehr den Kopf frei für so banale Dinge wie die Absenkung der Zimmertemperatur.

Das scheint jedenfalls die Meinung der grün-schwarzen Landesregierung von Baden-Württemberg zu sein. Ausgerechnet im Land der Macher, wo man außer Hochdeutsch angeblich alles kann, hakt es bei den einfachen Dingen des Lebens. Meint jedenfalls Landesvater Winfried Kretschmann von der Grünen. Vor ein paar Wochen hatte der 74-Jährige seine Landeskinder in großväterlichem Ton auf die Segnungen des Waschlappens hingewiesen. Mit dieser „brauchbaren Erfindung“ lasse sich die Körperhygiene energiesparender erledigen als unter einer Dusche.

Energiespar-Video: Kretschmann macht vor, wie es geht

Es ist nicht bekannt, wie viele Badener und Schwaben bei der Morgentoilette auf Handbetrieb umgestellt haben. Offenbar nicht genug. Denn jetzt wirbt die Landesregierung in einer Videoserie für die Drosselung des Energieverbrauchs. Was früher die „Zwei-Stufen-Regelung bei der Klospülung“ gewesen sei, das sei heute die „Nachtabsenkung“ bei der Heizung, verkündet der Regierungschef.

Nun kann man – jedenfalls bei modernen Heizungen – die Heizung so einstellen, dass sie nachts automatisch weniger Wärme abgibt als tagsüber. Doch eine solche Programmierung traut Kretschmann den Bewohnern des von ihm regierten „Land der Tüftler und Erfinder“ nicht zu. Also demonstriert er in Bild und Ton, wie man das macht: Er kniet sich auf den Boden stellt den Thermostat auf null.

Das Ganze läuft unter dem Motto „CLEVERLÄND. Zusammen Energie sparen.“ Denn im Südweststaat hält man sich schon deshalb für besonders clever, weil man sich von einer Agentur als „The Länd“ vermarkten lässt. Was auch weltläufiger klingt als Ländle, selbst wenn dieser Slogan das Sprachgefühl Hochdeutsch sprechender Zeitgenossen stark strapazieren dürfte.

Innenminister Thomas Strobl zieht den Stecker

Kretschmann, einst Lehrer für Biologie, Chemie und Ethik, rechnet seinen Zuschauern gleich vor, wie sehr sie ihren Geldbeutel entlasten können: „1 Prozent weniger Temperatur spart 6 Prozent Energie“. Und, oh Wunder, bei 4 Grad weniger summiert sich die Ersparnis laut Kretschmann auf 25 Prozent. Clever zu rechnen scheint auch zu den Stärken vom „Länd“ zu gehören.

Kretschmann hat mit dem Waschlappen und dem Thermostat schon mal vorgelegt. Sein Vize, Innenminister Thomas Strobl (CDU), darf im Video Nummer 2 auch ran. Er rät, dem Standbye-Modus bei Fernsehern, Computern oder Telefonen einfach „den Stecker zu ziehen“. Auf diese Idee scheinen die ach so cleveren Südweststaatler nicht alleine zu kommen; da bedarf es filmischer Belehrung von höchster Stelle. Ob jetzt jedes Kabinettsmitglied in Stuttgart sich mit solchen Filmchen in Szene setzen darf? Es ist zu befürchten.

„Mündige Bürger“ - für Grün-Schwarz nur bei Wahlen wichtig

Halten wir also fest: Die grün-schwarzen Regenten im Südwesten halten ihre Untertanen für nicht clever genug, um beim Energiesparen ohne regierungsamtliche Belehrungen auszukommen. Aber kurz vor der nächsten Wahl werden dieselben Schwaben und Badener als „mündige Bürger“ gepriesen und umworben. Grün-Schwarz hält selbst die 16-Jährigen für clever genug, bei der nächsten Landtagswahl ihre Stimme abgeben zu dürfen.

Nun ja, eine Partei anzukreuzen ist halt einfacher, als einen Thermostat in die richtige Richtung zu drehen oder einen Stecker zu ziehen. Aber wer weiß: Vielleicht klärt Kretschmann bis dahin die Jungwähler noch in einem Video darüber auf, wie man einen Bleistift hält. Denn seine Landeskinder können ja angeblich alles – aber offenbar nichts richtig.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 15. September 2022)


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