30.12.2021

Gute Vorsätze für 2022

Sie gehören einfach zum Jahreswechsel, die guten Vorsätze. Solche zu fassen, fällt nicht schwer, sind sie doch – frei nach Oskar Wilde – Schecks ohne dazugehöriges Konto. Wer schon Ende Januar vergessen hat, was er alles anders machen wollte, muss keine Überziehungszinsen zahlen. Noch leichter als die die eigenen Vorsätze zu befolgen, ist es freilich, anderen entsprechende Anregungen zu geben. Was hiermit geschieht – rein subjektiv und selektiv, nicht unbedingt politisch korrekt und ohne Gewähr für eventuelle Nebenwirkungen.

Für Bürger wie Du und ich: Grämen Sie sich nicht, dass sie keiner Minderheit angehören. Jammern Sie nicht darüber, dass Sie für sich keinen Opferstatus reklamieren und entsprechende Vorteile einheimsen können. Halten Sie an bewährten Grundsätzen fest: Dass sich Arbeit und Einsatz lohnen sollen. Dass Solidarität keine Einbahnstraße sein darf, in der die einen stets geben sollen und die anderen nur empfangen wollen. Dass die Regierung besser pragmatisch und effizient handelt, statt von einer neuen heilen Welt zu träumen. Dass eine gesunde Portion Skepsis immer besser ist als überbordende Heilserwartungen. Kurz: Bleiben Sie einfach, wie sie sind.

Für Politiker aller Parteien: Nehmen Sie sich vor allem vor, den Bürgern nicht ständig etwas zu versprechen, was Sie ohnehin nicht einhalten können. Verzichten Sie darauf, uns ständig irgendwo „abholen“ zu wollen. Ich will schon selbst entscheiden, wo ich bleibe oder wohin ich gehe. Und bemühen Sie sich, uns vor ständig neuen „Narrativen“ zu verschonen. Wir brauchen keine Märchenerzähler, sondern Politiker mit Sinn für das Notwendige wie für das Mögliche. Für Wunder sind andere zuständig.

Für Bezieher staatlicher Leistungen: Machen Sie sich klar, dass der Staat keine Kuh ist, die im Himmel gefüttert wird, aber auf Erden gemolken werden kann. Der Staat kann selbst gar nichts verteilen. Was er den einen gibt, hat er anderen vorher abgenommen. In sehr vielen Fällen sind Empfänger und Finanziers von staatlichen Wohltaten identisch. Das geht nach dem Motto: rechte Tasche, linke Tasche. Und nicht vergessen: Niemand kann den Staat betrügen. Wer vom Staat nimmt, was ihm nicht zusteht, betrügt die Steuer- und Beitragszahler, also seine Nachbarn und Freunde.

Für Steuerzahler: Nehmen Sie sich vor, nicht ständig über zu hohe Steuern und Abgaben zu jammern. Ohne Steuern ist kein Staat zu machen. Ohne Steuern gibt es keine Rechtssicherheit und keine soziale Sicherheit. Ohne Steuern keine Infrastruktur und keine leistungsfähige Wirtschaft. Und nicht vergessen: Niemand kann das Finanzamt betrügen. Wer weniger Steuern zahlt, als er müsste, betrügt die ehrlichen Steuerzahler, also seine Nachbarn und Freunde.

Für von Corona Genesene: Erzählen Sie Ihren Freunden und Kollegen, dass diese Krankheit nicht einfach eine harmlose Grippe ist. Klären Sie andere über die schlimmen Folgen von Long-Covid auf. Scheuen Sie sich nicht, von den Anstrengungen und Belastungen des medizinischen Personals zu berichten. Diese Helden an der Corona-Front haben jede Form der Unterstützung verdient.

Für Väter und Mütter: Lassen Sie sich von sogenannten Familien-Politikern nicht zu Produzenten von künftigen Rentenbeitragszahlern degradieren. Verwahren Sie sich entschieden gegen familienbezogene Nutzen-Kosten-Analysen. Kinder sind nicht in erster Linie Verursacher von Kosten. Bleiben Sie altmodisch und bekennen Sie sich dazu, dass Kinder – unterm Strich – das Leben bereichern und Freude bereiten.

Für gendergerecht Sprechende: Sprechen Sie, wie Sie wollen. Ob Sie eine „Gästin“ einladen oder von „Bürger_innen“ (mit Schluckauf) sprechen – wen kümmerts? Wenn Unternehmen glauben, mit Gendersprech mehr Kunden zu gewinnen – bitte sehr. Aber nehmen Sie bitte Abschied von der Vorstellung, an der Lage einer alleinerziehenden Verkäuferin oder einer schlecht bezahlten Pflegekraft ändere sich auch nur ein Jota, wenn in den Dienstanweisungen Gendersternchen verstreut werden wie Konfetti an Karneval. Wie wär’s mit mehr Respekt vor den Sprechgewohnheiten und dem Sprachgefühl der großen Mehrheit als gutem Vorsatz?

Für Quotenbefürworter: Fordern Sie ruhig Privilegien für alle angeblich oder tatsächlich Benachteiligten, sei es aufgrund des Geschlechts, der Religion, der Herkunft, der sexuellen Orientierung oder der politischen Einstellung. Aber denken Sie – wenigstens einmal im neuen Jahr – darüber nach, wohin konsequent praktizierter Quotenwahn führen wird. Und wo wir enden, wenn wir stets abwägen müssen, wer förderungswürdiger ist: Der Mann mit Migrationshintergrund oder die bio-deutsche Frau? Die Muslima oder der Transsexuelle? Die Westdeutsche mit Migrationshintergrund oder der homosexuelle Ostdeutsche? Eines ist klar: Für Kompetenz und Leistung bleibt in der Quoten-Gesellschaft kein Raum.

Für Journalisten in öffentlich-rechtlichen Anstalten: Sie sollten ab und an daran denken, wie privilegiert sie als Mitarbeiter von mit Zwangsgebühren finanzierten Medienhäusern sind. Und sich gelegentlich darauf besinnen, dass sie als Journalisten bezahlt werden und nicht als politische Aktivisten eingestellt wurden. Volkserziehung beziehungsweise Volksumerziehung gehören nicht zur öffentlich-rechtlichen Grundversorgung. Der Programmauftrag von ARD, ZDF oder DLF umfasst nicht die Aufgabe, als Vorzensur im Sinne der Political Correctness zu agieren. Sich auf den eigentlichen Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen zu erinnern – und ihn zu beherzigen: Wenn das kein guter Vorsatz für 2022 ist, was denn dann?

Für alle: Unser Land steht trotz aller Schwierigkeiten gut da, sogar deutlich besser als die meisten anderen Länder. Die wirtschaftliche Basis ist solide, der Sozialstaat intakt, die Demokratie funktioniert. Nirgendwo steht geschrieben, dass das immer so bleiben wird. Aber man darf sich am Erreichten auch mal erfreuen. Vergessen wir also auch 2022 nicht zu schätzen, was wir haben.

In diesem Sinne: Prosit Neujahr! Und immer daran denken: Realistischen Optimisten geht es besser als apokalyptisch eingestellten Pessimisten.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 30. Dezember 2021)


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