25.11.2021

Das verkorkste Kapitel Kanzlerkandidatur schließt Laschet mit einem letzten Stich gegen Söder

In den vielen Stellungnahmen zum Abschluss der Koalitionsverhandlungen fiel eine besonders auf. „Glückwunsch an Ampel-Koalition vor allem zu Stil und Form der Verhandlungen“, schrieb der gescheiterte Kanzlerkandidat der CDU am Mittwochabend auf Twitter. Und fügte hinzu: „Das muss auch die Union wieder lernen.“

Dieser Tweet brachte dem Aachener, dem noch vor ein paar Monaten die Kanzlerschaft so gut wie sicher schien, viel Lob von den „Ampelianern“ ein. „So geht faire Opposition. Hut ab,“ twitterte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). „So geht Stil! Danke für die Fairness,“ lobte der Grüne Cem Özdemir. FDP-Chef Christian Lindner, mit dem Laschet so gerne gemeinsam regiert hätte, war ebenfalls voll des Lobes: „Vielen Dank für die faire Reaktion“, schrieb er dem „lieben Armin Laschet“. „Sie zeigt, dass es auch Dir um das Land geht.“

Der noble Glückwunsch enthielt auch einen Fußtritt in Richtung Markus Söder

Es war sozusagen das letzte Hurra des CDU-Politikers, der sich noch Hoffnungen auf eine von ihm geführte Jamaika-Koalition gemacht hatte, als die Ampel schon kräftig blinkte. Der noble Glückwunsch enthielt aber auch einen Fußtritt in Richtung des CSU-Vorsitzenden Markus Söder. Wenn jemand in der CDU/CSU wieder „Stil und Form“ lernen muss, dann aus Laschets Sicht vor allem der ruppige Bayer, der dem fröhlichen Rheinländer während des Wahlkampfes einen rhetorischen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine geworfen hatte. Wie tief Laschet das verletzt hat, offenbarte er erst kürzlich bei „Maischberger“. Gefragt nach seinem Verhälts zu Söder, antwortete er lapidar: "Ich habe ihm wirklich viel geglaubt." 

Von seinem unglücklichen Lachen konnte sich Laschet nie erholen

Niemand weiß, wie die Wahl ausgegangen wäre, hätten Söder und die CSU Laschet wenigstes etwas unterstützt, statt ihn ständig öffentlich niederzumachen. Aber der noch bis zum 17. Januar amtierende CDU-Vorsitzende kann die Verantwortung für den verschenkten Sieg nicht ausschließlich nach München abschieben. Dafür hat er selbst zu viele Fehler gemacht – vor allem vermeidbare. Der schlimmste war sein Lachen während einer Rede des Bundespräsidenten an die Opfer der Flutkatastrophe in Erftstadt. Dass auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wenige Minuten später während Laschets Rede sich köstlich amüsierte, ging im medialen Laschet-Bashing unter. Da halfen alles nachträgliche Bedauern und alle Entschuldigungen nicht mehr. Von da an ging es mit den Umfragewerten Laschets und der Union bergab.

Laschet hat nicht nur an der falschen Stelle gelacht. Er hat zudem im Kampf gegen Corona versucht, früher und schneller Beschränkungen zu lockern, was ihn in Gegensatz zu Angela Merkel wie Söder brachte. Überdies waren die Kompetenzstreitigkeiten zwischen seiner Mannschaft in Düsseldorf und dem Berliner Konrad-Adenauer-Haus Sand im Wahlkampfgetriebe. So summierten sich Pleiten, Pech und Pannen bis hin zu Laschets Hilflosigkeit, als eine TV-Journalisten ihn nach den drei ersten Initiativen als Kanzler fragte – und er nur zwei aufzählen konnte.

Auf einmal sitzt Laschet nur noch in der zweiten Reihe

Laschet ist in seinem politischen Leben durch viele Täler gegangen und hat manche Höhen erklommen. Sein Sturz jetzt war besonders tief. In der CDU sehen fast alle in ihm den Hauptschuldigen für den Absturz der einst großen Volkspartei auf 24 Prozent, in der CSU sowieso. Die neue Bundestagsfraktion wollte ihn nach dem 26. September nicht einmal als Fraktionsvorsitzenden haben. So saß er bei der konstituierenden Sitzung des Parlaments in der zweiten Reihe der CDU/CSU-Fraktion; in der ersten war und ist kein Platz für ihn.

Auch als Parteivorsitzendem gelingt Laschet kein guter Abgang. Was er in Nordrhein-Westfalen bestens gemanagt hatte – den nahezu geräusch- und konfliktlosen Wechsel in der Staatskanzlei wie in der CDU-Spitze von ihm zu Hendrik Wüst – ging in Berlin schief. Laschet hätte Merz, Röttgen und Co. am liebsten zu einer Teamlösung gewonnen. Doch die potentiellen Nachfolger liefern sich jetzt einen Kampf um die Parteispitze, in den völlig überraschend auch der scheidende Kanzleramtsminister Braun eingestiegen ist. Das alles verzögert den Neustart der CDU in der Opposition.

In wenigen Monaten vom designierten Kanzler zum einfachen Abgeordneten

Ob Laschet manchmal denkt „Wärst Du doch in Düsseldorf geblieben“? Eines jedenfalls kann er sich nicht vorwerfen: zu vorsichtig taktiert zu haben. Im Gegenteil: Laschet hat alles auf eine Karte gesetzt und eine Rückkehr nach Nordrhein-Westfalen unabhängig vom Wahlausgang ausgeschlossen. So wurde aus dem ehemals einflussreichen Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens und Favoriten auf die Merkel-Nachfolge innerhalb nur weniger Monate ein einfacher Abgeordneter.

Politik ist ein gnadenloses Geschäft. Und besonders weh tun die Fehler, die man selber macht. Darüber könnte Laschet ein Buch schreiben. Als Ko-Autor böte sich der Sozialdemokrat Martin Schulz an. Der war im Wahljahr 2017 auf einer Erfolgswelle in Richtung Kanzleramt unterwegs – und fand sich auf den hinteren Bänken unter der Reichstagskuppel wieder.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 25. November 2021)


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