29.09.2021

Ein Fehler-Bonus für Baerbock wäre diskriminierend

Bei dieser Wahl haben die Grünen die ehemals großen Volksparteien zum ersten Mal beim Kampf ums Kanzleramt direkt herausgefordert – mit einer eigenen Kanzlerkandidatin. Annalena Baerbock hat das große Ziel jedoch deutlich verfehlt. Seit Sonntag 18 Uhr ist sie folglich Kanzlerkandidatin a. D. und „nur“ noch eine der beiden Vorsitzenden der Öko-Partei – neben Robert Habeck.

Obwohl die Grünen strikter auf Geschlechterparität achten als jede andere Partei, scheint Habeck jetzt zur Nummer eins aufgerückt zu sein, natürlich nicht formal, aber faktisch. Vor der Fraktion hat er zwar pflichtschuldigt dementiert, dass Baerbock ihm das Amt des Vizekanzlers in einer möglichen Koalition mit FDP und SPD oder CDU/CSU zugesichert habe. Doch kann eigentlich kein Zweifel bestehen, dass Habeck bei den sich anbahnenden Kontakten und Sondierungen mit der FDP der Wortführer ist.

Im Vergleich zu Söder und Laschet trägt Habeck Baerbock auf Händen

Habeck nimmt sich jetzt, was Baerbock ihm in der Kanzlerfrage verwehrt hatte: die Führungsrolle. Er kann dies, weil das Ergebnis der Grünen beim weitem nicht deren Erwartungen entspricht. Wer im Frühjahr in den Umfragen bei 26 bis 28 Prozent rangierte, für den sind die erreichten 14,8 Prozent ein herber Rückschlag. Dass diese dennoch das beste Ergebnis aller Zeiten ist, ist nur ein schwacher Trost.

Niemand weiß, wie der Wahlkampf verlaufen und wie das Ergebnis ausgefallen wäre ohne die Pannen der Kanzlerkandidatin und ihre teilweise dilettantischen Reaktionen darauf. Dass Habeck, der liebend gerne selbst Kanzlerkandidat geworden wäre, die Lage nach der Wahl zu seinen Gunsten nutzt, ist verständlich. Gleichwohl geht es bei den Positionskämpfen an der Grünen-Spitze friedlicher zu als bei der Union. Im Vergleich zu der Art und Weise, wie Markus Söder den „Freund“ Armin Laschet öffentlich abkanzelt, trägt Habeck seine Annalena geradezu auf Händen.

Baerbocks Abstieg ist nicht antifeministisch, sondern folgerichtig

Jegliche Kritik an Baerbocks Wahlkampfführung und jeder Versuch Habecks zur Profilierung wird von „Feminist:innen“ innerhalb wie außerhalb der Partei scharf kritisiert. Der Tenor: Baerbocks Leistung im Wahlkampf, in den Triellen wie auf den Marktplätzen, werde nur deshalb herabgewürdigt, weil sie eine Frau sei. Was hier geschehe sein ein schwerer Rückschlag für den Kampf, den Frauen endlich den ihnen in unserer Gesellschaft zustehenden Platz zuzugestehen. So mag sich die Lage für kämpferische Frauenrechtlerinnen darstellen; realistisch ist das nicht.

Das Nach-Wahl-Geschehen bei den Grünen folgt den ehernen Gesetzen des politischen Geschäfts: Wer nicht das erhoffte Ergebnis erzielt, der verliert an Zustimmung und Einfluss. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit den enttäuschten Erwartungen. Geschlechterparität kann ja nicht heißen, dass Frauen mehr Fehler machen dürfen als Männer oder dass diese grundsätzlich mit Milde und Nachsicht behandelt werden müssen. Im Gegenteil: Ein Fehler-Bonus für Frauen wäre eine besondere Form der Diskriminierung.

In gewisser Weise ähnelt die Lage bei den Grünen der in der CDU/CSU. In beiden Parteien gab es potentielle Kanzlerkandidaten, die in den Umfragen besser abschnitten als ihre Konkurrenten: Habeck und Söder. In beiden Parteien siegte Prinzipienreiterei über das Machtkalkül: Bei den Grünen gab die „Frauenkarte“ den Ausschlag, bei der Union der Führungsanspruch der CDU gegenüber der kleineren bayerischen Schwester. Und in beiden Fällen war das Ergebnis nicht das gewünschte: suboptimal bei den Grünen, desaströs bei der Union.

Auch Powerfrauen müssen damit leben, dass sie letztlich am Erfolg gemessen werden

Nein, wir sind in dieser Gesellschaft nicht so weit, dass es völlig gleichgültig wäre, ob eine Frau oder ein Mann eine bestimmte Position anstrebt oder besetzt. Auch werden Frauen gerade in den sogenannten sozialen Netzwerken mit ungleich mehr Häme und teilweise widerlichen sexistischen Attacken konfrontiert als die Männer, mit denen sie um politische Ämter konkurrieren. Das ging Angela Merkel auf ihrem Weg an die Spitze der CDU und in den 16 Jahren ihrer Kanzlerschaft nicht anders als jetzt Annalena Baerbock. Aber auch Powerfrauen müssen – gerade in der Politik – damit leben, dass sie letztlich am Erfolg gemessen werden. Bleibt der aus, geht es ihnen nicht schlechter und nicht besser als erfolglosen Männern. In dieser Hinsicht ist, wie Baerbock jetzt feststellen muss, die Gleichstellung erreicht.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 29. September 2021)


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