11.06.2021

Baerbock bei Hassel – Kandidatinnen unter sich

„Farbe bekennen“ heißt es im „Ersten“, wenn zwei Journalisten einen Politiker befragen, ihn in die Zange nehmen oder mit ihm plaudern. Gegenüber Tina Hassel, Studioleiterin und Chefredakteurin im ARD-Hauptstadtstudio, und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr, sollte jetzt Annalena Baerbock „bekennen“, warum sie nach mehreren Pannen und einem geschönten Lebenslauf sich immer noch fürs Kanzleramt qualifiziert fühlt.

In dieser Dreierrunde war die Grüne aber nicht die Einzige, die demnächst zur Wahl steht. Auch Hassel will etwas werden -nämlich Intendantin des ZDF. Dort hat sie der „rote Freundeskreis“ im Fernsehrat vorgeschlagen, in dem sich alles versammelt, was links der Mitte steht. Die 57-Jährige erscheint da geradezu als ideale Kandidatin – Frau mit TV-Erfahrung und obendrein eine, die mit jungmädchenhafter Begeisterung von den Grünen schwärmt. Legendär der Tweet, mit dem sie 2018 Baerbocks Wahl zur Co-Vorsitzenden der Grünen feierte: „Baerbock wird mit viel Applaus zur Wahl getragen, beim Rennen um Parteivorsitz. Erfrischend lebendig, angesichts der lahmen GroKo-Protagonisten.“ Schöner hätte es die Grünen-Pressestelle nicht formulieren können.

Jetzt soll also die Kanzlerkandidatin gegenüber der Intendantenkandidatin Farbe bekennen. Für beide geht es um viel. Baerbock muss am Vorabend des Grünen-Parteitags zeigen, dass ihr teilweise aufgeplusterter, teils schlichtweg falscher Lebenslauf ein blöder Fehler war, aber im Grunde nur eine Petitesse. Hassel hingegen muss kritisch fragen, darf aber – mit Blick auf den Mainzer Posten – eine Hoffnungsträgerin des linksgrünen Spektrums nicht zu schlecht aussehen lassen. Hassel macht das geschickt: Sie tritt nicht als Staatsanwältin auf, eher wie eine Beichtmutter. Baerbock darf kritische Fragen mit wortschwallartigen Verweisen auf die viel wichtigeren Themen unserer Zeit – Klima, Familie, Daseinsvorsorge – ausweichen. Auch Köhr zeigt sich nicht gerade als Großmeister des hartnäckigen Nachfassens.

Hassels kritischste Einlassung: „Wie kann Ihnen denn so was passieren? Ist das der Druck, bevor der Wahlkampf eigentlich richtig begonnen hat? Ist Kanzlerkandidatin vielleicht doch ne Nummer zu groß?“ Dabei schaute Hassel so bekümmert drein, als täte es ihr richtig leid, so etwas fragen zu müssen –von Kandidatin zu Kandidatin. Baerbock wich aus, bekundete ihren Ärger über gemachte Fehler und betonte, dass sie sonst stets bemüht sei, alles korrekt zu machen. Ob sie sich vielleicht mit der Kandidatur übernommen habe? Diese Frage ließ sie offen – und Hassel war’s zufrieden.

Im aktuellen „Deutschlandtrend“ hat Barbock nach ihrem verstolperten Wahlkampfstart im direkten Vergleich mit den anderen Kanzlerkandidaten um 12 Prozentpunkte abgestürzt, liegt jetzt auf Platz drei hinter Armin Laschet und Olaf Scholz. Wie sie das wieder aufholen wolle, will Hassel von der Grünen wissen. Da erzählt Baerbock, dass es ja nicht nur um sie gehe, und ist ganz schnell wieder beim Klima und den Kleinsten, die uns besonders brauchen. Konkreter wird sie nicht, konkreter wird sie auch nicht gefragt.

Zum Schluss holt Hassel die Bazooka heraus. Ob Baerbock ebenso wie FDP-Chef Christian Lindner den Parteivorsitz abgeben würde, falls es nach dem 26. September mit dem Regieren nichts werde. Da schwadroniert die Kandidatin, dass ihre Kinder jetzt wieder in die Schule könnten und das Land vor großen Aufgaben stehe. Köhr dankte freundlich und Hassel schiebt ein kurzes „ja, danke“ nach. Der Erkenntnisgewinn dieses Bekenntnis-Runde war eher mager. Die Kandidatin Hassel könnte dagegen für ihren Wahlkampf um den Posten des ZDF-Intendanten dagegen viel gelernt haben: Unbequemen Fragen ausweichen und stets das eigene Mantra wiederholen. Fragt sich nur, ob sich Wahlberechtigten beim ZDF mit gebetsmühlenartigen Wiederholungen zufriedengeben.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 11. Juni 2021)


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