03.05.2021

Söder muss bei Anne Will lange warten

Markus Söder mag sich immer noch am Ehrentitel „Kandidat der Herzen“ erfreuen. Ein potentieller Kanzlerkandidat ist der CSU-Chef seit knapp zwei Wochen jedoch nicht mehr. Das bekam er bei seinem ersten Talkshow-Auftritt seit der Ausrufung Armin Laschets zum Unions-Kandidaten zu spüren. Bei „Anne Will“ muss der bayerische Ministerpräsident, zugeschaltet aus München, erst mal einige Zeit warten, bis er überhaupt beim Thema Corona zu Wort kommen darf.

Zuerst darf Justizministerin Christine Lambrecht von der SPD darlegen, dass zweifach Geimpfte und von Covid-19 Genesene von den bestehenden Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen befreit werden sollten. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Diese Personen hätten keinen Anspruch darauf, dass ihretwegen Restaurants oder Schwimmbäder wieder geöffnet werden müssten.

Was der bayerische Ministerpräsident dazu meint? Der muss erst einmal dem Ökonomen Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, zuhören, der Söders Amtskollegen Laschet in Nordrhein-Westfalen berät und tendenziell für mehr Lockerungen ist. Söder wird Hüther später bescheinigen, dass er ihn als Ökonomen „außerordentlich schätze“. Was heißen soll: Als Laschet-Ratgeber zur Pandemiebekämpfung schätzt er ihn weniger.

Endlich lässt Anne Will den bayerischen Regierungschef zu Wort kommen. Der nutzt die Gelegenheit, sich als oberster Kämpfer gegen die Pandemie in Szene zu setzen. Seine zentrale Botschaft: Bayern stützt den Kurs der Bundesregierung, zwei Mal Geimpften und Genesenen dieselben Rechte einzuräumen wie negativ Getesteten. Doch ist der Freistaat dabei nach Söders Darstellung schneller und flexibler als andere Länder. Schon in seinem ersten Diskussionsbeitrag bringt Söder unter, was ihm besonders wichtig erscheint: Bayern stehe bei den Inzidenzen besser da als Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg. Ein versteckter Gruß an den Kollegen Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

Ansonsten zeigt sich Söder von der ihm wohl liebsten Seite: Als pragmatischer, tatkräftiger Politiker, der anderen erklärt, wie‘s geht: Es wird geimpft, was die Dosen hergeben, in Bayern auch schon in der Gruppe 60- bis 69-Jährigen. Anfang Juni sollen bereits Oberstufenschüler dran sein. Und in problematischen Wohngebieten wird laut Söder „strategisch gezielt“ vorgegangen, unabhängig von der amtlichen Impf-Reihenfolge. Damit konterte Söder indirekt den Hinweis, dass in Nordrhein-Westfalen mobile Impfteams in Gegenden mit besonders hoher Inzidenz unterwegs seien.

Die Talkrunde im „Ersten“ lief unter dem sperrigen Titel „Änderung der Impfreihenfolge, Rückkehr zu Grundrechten – wer darf wann wieder was?“ Söder war einer von fünf Gästen, zu denen neben Lambrecht und Hüther auch die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats, Christiane Woopen und der Virologe Martin Stürmer zählten. Der Nicht-mehr-Kandidat aus Bayern tat, was mehr oder weniger alle CSU-Politiker zu tun pflegen: Er versuchte Bayern in hellem Licht erstrahlen zu lassen, selbst in eher trüben Corona-Zeiten. Ob Armin Laschet ihn per SMS gebeten hatte, „friedlich zu sein“, wie unlängst vor einer „Lanz“-Sendung, ist nicht bekannt. Der „Kandidat der Herzen“ war es auch so – jedenfalls in diesen 60 Minuten.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 3. Mai 2021)


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