23.04.2021

Was für ein schäbiges, menschenverachtendes Theater

Mehr als 81.195 Menschen sind bei uns bisher an und mit Covid-19 gestorben. Morgen Früh werden es wieder ein paar hundert Männer und Frauen mehr sein, um die Partner und Kinder weinen und Freunde trauern. Zugleich ringen tausende Kranken auf Intensivstationen um ihr Leben und kämpfen zehntausende Ärzte und Pfleger seit mehr als einem Jahr aufopferungsvoll um das Leben von Corona-Patienten.

Diese traurige Realität, dieses Ausmaß an menschlichem Leid und an mitmenschlichem Engagement, scheint einer halben Hundertschaft bekannter Bühnen- und Fernsehstars verborgen geblieben zu sein. Genau 53 Schauspieler wie Jan Josef Liefers, Ulrike Volkers, Nadja Uhl oder Ulrich Tukur beglücken seit Donnerstagabend das Land mit kurzen Videos, in denen sie höhnisch über die von Bund und Ländern verhängten Einschränkungen und Schließungen herziehen. Sie reden von Panikmache, gleichgeschalteten Medien und einer autoritären Regierung. Ja, sie bedanken sich überschwänglich und ironisch bei den Regierenden, sie kritisieren die Medien, die angeblich alles gutheißen. Und sie bereichern die sozialen Medien mit zynischen Hashtags wie #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen oder #lockdownfuerimmer.

TV-Stars contra Politiker

Nun gibt es gute Gründe, die jetzt von Bundestag und Bundesrat beschlossene „Notbremse“ mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit mancher Maßnahmen oder ihre Wirkung zu kritisch zu analysieren. Die Promi-Riege hält sich indes nicht mit sachlicher Kritik auf. Vielmehr triefen die Videos von ätzender Verachtung für die politische Klasse und dem implizierten Anspruch der Schauspieler, besser als Virologen und Epidemiologen zu wissen, was jetzt Not tut. Dazu zwei Kostproben.

• Tatort-Kommissar Tukur, appelliert an die Politik: „Schließen Sie ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz, nicht nur Theater, Cafés, Schulen, Fabriken, Buchhandlungen, Knopfläden, nein, auch alle Lebensmittelläden, Wochenmärkte und vor allem auch all die Supermärkte.“ Denn „Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und allesamt mausetot, entziehen wir auch dem Virus und seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage.

• Ein anderer Tatortstar, Liefers, dankt allen Medien, „die seit über einem Jahr unermüdlich dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört: nämlich ganz, ganz oben, und dafür sorgen, dass kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung.“

Schauspieler in der Rolle von Ichlingen

Gute Schauspieler können etwas, was der normale Bürger nicht kann: in andere Rollen schlüpfen, andere Charaktere glaubwürdig verkörpern. Irgendwie scheinen diese 53 Damen und Herren bei ihrem Ausflug in die Politik sich Corona-Leugner, Querdenker und Verschwörungstheoretiker zum Vorbild genommen zu haben. Ihre Videos enthalten Botschaften, wie man sie von Demonstrationen kennt, deren Teilnehmer bewusst keine Masken tragen. Von der AfD jedenfalls kam prompt Beifall – und von den üblichen Verdächtigen am ganz rechten Rand ebenso.

Immerhin: Heike Makatsch war es peinlich, in welche Gesellschaft sie damit geraten war. Sie zog ihr Video zurück und „bereute zutiefst“, dass sie „rechten Demagogen in die Hände gespielt“ habe. Von den anderen 52 war eine ähnliche Einsicht nicht zu vernehmen. Zwar kann man verstehen, dass viele Schauspieler darunter leiden, seit mehr als einem Jahr keine Auftritte mehr zu haben. Wird der Blick auf die Pandemie und ihr Opfer jedoch allein vom eigenen Kontostand bestimmt, dann haben die 53 bei ihrer Video-Aktion sich für eine ganz traurige Rolle entschieden – die des zynischen, menschenverachtenden Ichlings. Was für ein schäbiges, beschämendes Theater!

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 23. April 2021)


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