20.04.2021

Laschet, Baerbock, Scholz: Jetzt geht’s los

RTL ist nicht gerade der TV-Sender, den man zuerst einschaltet, wenn es um Politik geht. Aber am Tag der Ausrufung Armin Laschets zum Kanzlerkandidaten von CDU/CSU, nahm der Sender ein „Spezial“ ins Programm und versprach, „zum ersten Mal“ kämen alle drei Kanzlerkandidaten zu Wort, neben Laschet auch Annalena Baerbock von den Grünen und Olaf Scholz von der SPD.

Das klang vielversprechender, als es tatsächlich war. Denn die drei trafen nicht etwas zu einem „Triell“ aufeinander, einem aus dem Schießsport bekannten Kräftemessen mit drei Wettbewerbern. Vielmehr wurden sie nacheinander interviewt. Das war nicht gerade die Neuerfindung des Fernsehens. Auch war es keine Überraschung, dass Moderator Maik Meuser sich betont locker gab, wie es bei dem Kölner Unterhaltungssende üblich ist.

Der Neuigkeitswert der Sendung war nicht sehr groß. Die Dame und die beiden Herren sagten nichts, was sie nicht schon zig-Mal erklärt, betont oder unterstrichen hätten. Siegessicher gaben sich alle drei. Scholz sieht seine SPD „bei deutlich über 20 Prozent“. Dafür sei „alles vorbereitet“. Da musste man an die angeblich bis zu 10 Millionen Impfungen im April denken, für die der Vizekanzler nach eigener Aussage ebenfalls alles vorbereitet hatte. Danach zu fragen, fiel dem Moderator leider nicht ein. Hartnäckiger befragt wurde Annalena Baerbock zur Finanzierung des kostspieligen Grünen-Programms. Wählt man etwa, wenn man den Grünen seine Stimme gibt, Steuererhöhungen? Nein, nein, widersprach Baerbock. Wer Grün wähle, wähle Investitionen. Und die wollen die Grünen, wie sie beredt, aber undeutlich andeutete, mit Schulden finanzieren, zumal der Staat bei Negativzinsen dabei sogar gut wegkomme.

Auf hartnäckiges Nachfragen räumte Baerbock dann ein, dass zur Rettung des Klimas die „CO2-Bepreisung“ erhöht werden müsse. Den im grünen Wahlprogramm geforderten höheren Spitzensteuersatz verschwieg sie ebenso wie die Besteuerung von Vermögen. So leicht dürfte sie in anderen Befragungen im anlaufenden Wahlkampf kaum davonkommen.

Armin Laschet war die Erleichterung anzusehen, dass er acht Stunden vor der Sendung von seinem Rivalen Söder zum Kanzlerkandidaten von CDU/CSU ausgerufen worden war. Dass der CSU-Chef von manchen in der Union als „Kanzler der Herzen“ gesehen wird, scheint Laschet nicht zu stören. Er habe auch ein Herz, entgegnete er. Was der Moderator freilich gar nicht bezweifelt hatte.

Kurz vor der Sendung hatten die Meinungsforscher von Forsa exklusiv für RTL neue Zahlen veröffentlicht: 28 Prozent für die Grünen, 21 für die CDU/CSU, 13 Prozent für die SPD. Der CDU-Kandidat entgegnete fröhlich, er kenne nur Umfragen, in denen die CDU/CSU auf Platz 1 stehe. Sollte er die Forsa-Werte tatsächlich nicht gewusst haben, hatte sein Team ihn schlecht vorbereitet. Sollte er Unwissenheit nur vorgetäuscht haben, dann war das ausgesprochen clever.

In dieser Sendung wurden die Kandidatin und die Kandidaten nicht gegrillt. Es war, wenn man so will, am Tag eins des nunmehr beginnenden Bundestagswahlkampfes eine eher sanfte Einstimmung auf das, was bis zum 26. September noch kommen könnte. Im Anschluss sendete RTL „I can see your voice“, eine schräge Musikshow. Vorher war „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zu sehen gewesen. Da passte „Spezial: Kampf ums Kanzleramt“ passte gut dazu, Auch in Wahlkämpfen geht es bisweilen schräg zu. Und: Gute Zeiten wie schlechte Zeiten kommen auf die drei Kandidaten mit Sicherheit zu. Fragt sich nur: was für wen?

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 20. April 2021)


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