11.01.2022

Der Rollenwechsel des Professor Lauterbach: Vom Kommentator zum Macher

40 Mal war Karl Lauterbach im vergangenen Jahr in Talkrunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens dabei, so oft wie kein anderer Politiker. In diesem Jahr wird der Gesundheitsminister wohl ebenfalls die meisten Einladungen bekommen. Das zeigte sich schon bei der ersten Talkshow im neuen Jahr. Bei „hart aber fair“ in der ARD zum Thema Omikron war ganz selbstverständlich der SPD-Politiker dabei – und hatte ganz selbstverständlich die meisten Redeanteile.

Lauterbach ist immer noch der Politiker, der als Medizinprofessor und gelernter Epidemiologe fachlich beschlagener ist als jeder andere. Und er gehört unverändert zum „Team Vorsicht“, das beim Kampf gegen Covid im Zweifelsfall eher für stärkere Einschränkungen eintritt als für Lockerungen. Doch seit er den Amtseid als Minister abgelegt hat, hat er die Rolle gewechselt – vom Experten, der andere bewertet, zum Gestalter und Macher. Lauterbach kommentiert nicht länger die Corona-Politik der Bundesregierung; jetzt ist er der Hauptverantwortliche für die Pandemiebekämpfung.

Vor ein paar Wochen noch hätte der Abgeordnete Lauterbach die Regierung auf allen Kanälen vehement aufgefordert, endlich einen Gesetzesentwurf zur Einführung der Impfpflicht vorzulegen. Inzwischen erklärt er, auch jetzt bei Frank Plasberg, das Thema zu einer Gewissensfrage, weshalb die Regierung keinen eigenen Entwurf vorlegen werde. Und plädiert dafür, bei dieser wichtigen Frage „keine Parteipolitik zu betreiben.“

Dabei tut Lauterbach genau das. Denn der Verzicht der Ampel-Koalition auf einen eigenen Gesetzesentwurf entspringt durchaus parteipolitischem Kalkül. Weil die FDP in dieser Frage offenkundig gespalten ist, würde die rot-grün-gelbe Koalition allein keine Mehrheit zustande bringen. Also hofft der Gesundheitsminister darauf, dass sich Abgeordnete aus verschiedenen Parteien zusammenfinden, um entsprechende Vorlagen auszuarbeiten. Der alte, streitbare Lauterbach hätte sich darüber heftig empört, Der neue, auf Konsens erpichte Lauterbach, bietet dagegen an, dass sein Gesundheitsministerium an der Ausarbeitung von Gesetzesentwürfen mitarbeitet, selbst an solchen, mit denen er inhaltlich nicht übereinstimme.

Der neue Lauterbach bleibt der vorsichtige Mahner und Warner. Den Verzicht der britischen Regierung auf strenge Anti-Corona-Maßnahmen nannte er angesichts explodierender Infektionszahlen eine „unethische Wette“. Der britische Kurs komme schon deshalb nicht in Frage, weil die Impfquote in Deutschland insbesondere bei den Älteren viel schlechter sei als in Großbritannien. Die lockere Politik der britischen Regierung läuft aus Lauterbachs Sicht auf eine „Durchseuchung“ der Bevölkerung hinaus, was er strikt ablehnt: „Dafür steht die Bundesregierung nicht zur Verfügung.“ Der alte Lauterbach, der Mahner und Antreiber, hatte stets Vorschläge gemacht und musste hoffen, dass andere sie umsetzen. Der neue Lauterbach, der Macher, reklamiert dagegen schon nach fünf Wochen im Amt Erfolge für sich. Bei hart aber fair“ verwies er auf die großen Mengen an Moderna-Impfstoff, die bereitstünden. Es gebe mehr Impfstoff, als benötigt würde, um allen dazu bereiten Menschen zu boostern.

Das Problem dabei: Die meisten Deutschen ziehen eine Auffrischungsimpfung mit Biontech einer mit Moderna vor. Das kann Professor Lauterbach nicht nachvollziehen, da „Biontech und Moderne gleich gut sind.“ Doch der neue Lauterbach steht bereit, das zu tun, worum sich auch der alte Lauterbach stets bemühte: die Menschen über die Gefahren von Covid ebenso aufzuklären wie über die geeigneten Gegenmaßnahmen. Die nächste Talkshow kommt bestimmt.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 11. Januar 2022)


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