18.11.2021

Söder entgeht bei „Maischberger“ nur knapp einem K.O.

Es gab ihn schon immer, den doppelten Markus Söder: Der eine umarmt Bäume und die Grünen, der andere segelt im Kampf gegen die AfD hart am rechten Rand. Der eine kann vor der Wahl vor Kraft nicht laufen und erteilt der CDU permanent Ratschläge, der andere will nach der Wahl nach vorne blicken, aber nicht über eigene Fehler reden. Schließlich gibt es noch den Anführer des „Teams Vorsicht“ an der Corona-Front. Und zugleich den „Die anderen haben nicht auf mich gehört“-Söder, in dessen bayerischem Reich die Zahl der Geimpften besonders niedrig und die der Infizierten besonders hoch ist.

Der „Ich kann alles besser“-Söder war vor der Wahl fast jeden Abend auf dem Bildschirm präsent. Dieser „Ich hätte es besser gekonnt“-Söder macht sich seit dem 26. September eher rar. Jetzt hat er sich bei „Maischberger“ zum verbalen Schlagabtausch gestellt. In der Boxersprache verlief der Kampf so: Die Talk-Master deckte den Gegner pausenlos mit Schlägen ein. Ihr Gegner versuchte sich hinter einer Doppeldeckung zu verschanzen. So entging er einem K.O., nicht jedoch einer schweren Niederlage.

Söder ätzt gegen „unseren Freund Spahn“

Maischberger drängte Söder gnadenlos in die Ecke: In Bayern wüte das Virus besonders stark und der Ministerpräsident hätte längst die vielen Möglichkeiten ausschöpfen können, die die Pandemie-Notlage immer noch den Ländern biete. Söder verwies da auf „unseren Freund Spahn“, den weitgehend abgetauchten Gesundheitsminister, der die Pandemieentwicklung auch zu positiv eingeschätzt habe. Er, Söder, habe 2G schon viel früher einführen wollen. Aber da sei er „von ziemlich jedem Medium nicht unterstützt worden.“ Das hat Seltenheitswert: ein bayerischer Ministerpräsident, der sich von „den Medien“ daran hindern lässt, das zu tun, was er für richtig hält. Wie Franz Josef Strauß selig das nennen würde, ist nicht zitierfähig.

Söder als Opfer der Medien

Und die Wiederöffnung der Clubs in Bayern Anfang Oktober? Auch da sieht sich Söder als Opfer. Alle anderen Länder hätten früher gelockert und er sei von Medien wie der „Süddeutschen“ und der „Welt“ wegen seiner restriktiveren Politik „massiv bedrängt worden“. Auch diesen Söder lernte das TV-Publikum jetzt erstmals kennen: Den furchtlosen Kämpfer, der sich einer medialen Übermacht beugen muss. Und der verschanzt sich schnell hinter der Doppeldeckung: „Ich habe nicht gesagt, dass wir alles richtig gemacht haben. Aber wir haben auch nicht alles falsch gemacht.“ Was hätte der frühere Söder wohl gesagt, wenn Armin Laschet im Wahlkampf so etwa im Triell auf Olaf Scholz reagiert hätte?

Apropos Laschet. Der glücklose Kanzlerkandidat durfte kürzlich bei Maischberger seine Version eines Wahlkampfes liefern, in dem er heftig unter dem „friendly fire“ aus München zu leiden hatte. „Markus, lass es. Markus, warum sagst du jetzt wieder das?“, habe er den CSU-Chef immer wieder gefragt, erzählte Laschet der Therapeutin Maischberger. Der Bayer aber, so Laschet, habe immer anderen die Schuld gegeben, die ihn angeblich falsch zitiert hätten.

Söder als Spezialist für Stilfragen

Was soll Söder dazu sagen? Von Maischberger in der Ringecke festgenagelt, versucht er einen Entlastungsangriff. Laschets nachträgliche Kritik sei auch eine Stilfrage, bemerkt der nicht gerade als Spezialist für feinfühligen politischen Stil bekannte Söder: Man zitiere nicht auf Telefonaten. Mit dem Hinweis, es sei „Quatsch, dass wir wegen eines Satzes von mir so schlecht waren", hat er zweifellos recht. Doch gab es eben nicht nur den einen Satz aus München, der Laschet schadete. Letztlich zieht Söder auch hier den Kürzeren: "Es ist uns nicht gelungen, eine Harmonie mit Armin Laschet herzustellen."

Zwei Söders

Ja, es gibt zwei Söders. Der eine tritt breitbeinig auf und erklärt allen, dass Bayern einfach Spitze sei: wirtschaftlich, finanziell, kulturell, freizeitmäßig – und landschaftlich sowieso. Da zurzeit Corona alles andere verdrängt, muss der andere, der irgendwie ratlose Söder erklären, warum beispielsweise fünf der neun Landkreise mit Inzidenzwerten über 1000 im Freistaat liegen. Auch wenn Söder so gerne mit dem kaftvollen bayerischen Defiliermarsch den Ton angeben würde: Derzeit täte er gut daran, die erste Zeile der weiß-blauen Nationalhymne anzustimmen: „Gott mit dir, du Land der Bayern“ – als Stoßgebet.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 18. November 2021)


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