16.09.2021

In der ARD-Wahlarena kombiniert Laschet Erfahrung mit Empathie

Bei dem Begriff Arena denkt man unwillkürlich an harte Kämpfe, an Blut, Schweiß und Tränen. In der „Wahlarena“ der ARD am Mittwochabend war von all dem wenig zu spüren. Im Gegenteil: Armin Laschet traf auf fünf Dutzend Bürger, die ihn durchaus kritisch, aber fast immer sachlich befragten. Und der CDU-Kanzlerkandidat spielte aus, was seine Anhänger als seine Stärken anführen: Erfahrung, Toleranz, Mitgefühl, die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen. Er zeigte aber auch klare Kante, wo es ihm notwendig schien.

Erfahrung als wichtiges Pfund

Ob bei Energiefragen oder Rassismus, bei der Unterstützung misshandelter Frauen oder bei der Integration – Laschet verweist gern auf seine politische Tätigkeit in Nordrhein-Westfalen. Schließlich war er fünf Jahre lang Minister für Frauen und Integration, ehe er 2017 Ministerpräsident wurde. So kann er immer darauf verweisen, wie er bestimmte Probleme angepackt hat. Zugleich setzt sich der CDU-Kandidat von Annalena Baerbock ab, ohne das Fehlen jeglicher Regierungserfahrung bei der Grünen-Kanzlerkandidatin auch nur zu erwähnen.

Die Mitarbeiterin eines Frauenhauses monierte, Frauenhäuser würden im Wahlprogramm der CDU nicht erwähnt. Sie musste aber einräumen, dass diese Einrichtungen in NRW überdurchschnittlich gefördert würden. Warum aber nicht in ganz Deutschland? Laschet konnte das schnell klären: Weil andere Länder noch nicht bereit seien, die NRW-Standards zu übernehmen. Als Kanzler will er das ändern.

Prinzipien und Pragmatismus

Politik ist bekanntlich die Kunst des Möglichen. Aber nur mit solchen Ländern Handel zu betreiben, die die Menschenrechte einhielten, sei nicht möglich, beschied Laschet einem Politikwissenschaftler. Der sah nämlich die engen wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland und China sehr kritisch. Lachet sprach sich dafür aus, den Außenhandel mit der Volksrepublik und Russland nicht abzubrechen, gleichzeitig aber das Thema Menschenrechtsverletzungen anzusprechen. Ganz nüchtern beurteilte er die Notwendigkeit, beim Klimaschutz mit diesen Ländern zusammenzuarbeiten. Ohne sie werde es nicht gelingen, den Klimawandel zu stoppen.

Gegen Rassismus, für Integration

Laschet beschönigte den hierzulande anzutreffenden Rassismus nicht. Deshalb will er als Bundeskanzler „Anti-Rassismus predigen“. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes soll gestärkt werden. Auch auf diesem Gebiet kann Laschet auf seine Tätigkeit als erster Integrationsminister in einem Bundesland verweisen. Sollte er gewählt werden, will der CDU-Politiker ein Kanzler sein „für alle, die hier leben, nicht nur für deutsche Staatsbürger“. In seinem Kabinett werde sich „mehr Diversität“ widerspiegeln, kündigte er an. Außerdem versprach er: „Ich werde ein Kanzler sein, der sich mit jedem anlegt, der rassistisch handelt.“

Werben für eine offenen Dialog

Laschet hatte einen starken Moment, als eine ohne Bild und ohne Namensangabe zugeschaltete Frau ihm schilderte, dass sie es nicht wage, sich öffentlich als Impfskeptikerin zu outen. Sie sei keine prinzipielle Impfgegnerin, versicherte die Frau, aber ihr reichten die Belege nicht, wonach die Vakzine gegen Covid-19 ungefährlich seien.

Laschet zeigte sich betroffen, dass Menschen „sich nicht mehr trauen, alles zu sagen“. Er warb deshalb um Respekt vor anderen Meinungen und für einen anderen Umgang miteinander. Zugleich sprach er sich entschieden für das Impfen aus: „Der Impfstoff ist sicher“. Und empfahl der Frau, sich umfassender zu informieren.

Mitgefühl und klare Kante

Laschet zeigte sich zugewandt, ging auf die Probleme der Diskussionsteilnehmer ein, ob es sich um eine ältere Frau handelte, die seit längerer Zeit arbeitslos ist, oder eine junge Frau, die sich nicht sicher ist, ob sie angesichts des Klimawandels Kinder haben möchte. Beiden sprach er Mut zu, ohne aber vollmundige Versprechungen abzugeben.

Im Dialog mit einem im Rollstuhl sitzenden Feuerwehrmann verkündete er seine Absicht, als Bundeskanzler das Bewusstsein für mehr Inklusion zu wecken. „Jeder Mensch mit Handicap ist ein Mensch mit eigenen Stärken.“ Dieses Potential dürfe nicht verschenkt werden.

Der mitfühlende Laschet kann auch anders. Ein Mann aus dem Publikum hielt ihm vor, die Menschen wollten ihn nicht als Kanzlerkandidaten. „Wenn es ihnen um die Menschen geht, weil es um Deutschland geht: Warum sind Sie dann nicht längst von ihrer Kanzlerkandidatur zurückgetreten?“. Der Kandidat konterte locker: „Was hielten Sie von der Idee, dass wir die Menschen das am 26. September entscheiden lassen, welche Partei sie wählen. Wäre doch ein guter Gedanke?“ Damit war alles gesagt.

Eine „Fridays for Future“-Aktivistin, die Laschet heftige Vorwürfe wegen seiner Klimapolitik in NRW machte, musste sich anhören, was dieser als rot-grünes Erbe 2017 vorgefunden und was er seitdem geändert habe. Da blitzte etwas von dem Kämpfer auf, als der sich Laschet in den beiden Triellen gezeigt hatte.

Es geht auch ohne Angriffe auf die Gegner

Eine Studentin brachte Laschet mit der abstrusen These, er verdanke seinen politischen Aufstieg dem Einfluss der Familie seiner Frau und dem der Freunde aus seiner Studentenverbindung, kurz aus dem Tritt. Da fühlte er sich „verletzt“, weil die Familie in den Wahlkampf hineingezogen wurde. Gleichwohl hatte Laschet in der ARD-Wahlarena einen seiner besten TV-Auftritte. Was dabei auffiel: Anders als Scholz und Baerbock ging Laschet auf die Fragen und Anliegen der Bürger ein, ohne bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit darauf hinzuweisen, was die politischen Gegner angeblich alles falsch machten. Das wird beim dritten und letzten Triell am kommenden Sonntag anders sein. Denn dort heißt es dann: Zwei gegen einen. Da ist dann wieder der Kämpfer Laschet gefragt.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 15. August 2021)

 


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