30.03.2021

Laschet-Vize verunsichert und verärgert Eltern in NRW

Covid-19 gefährdet nicht nur die Gesundheit. Das Virus gefährdet auch unser aller Wohlbefinden, weil jeder Vernünftige sich Sorgen macht. Das trifft besonders auf Eltern kleiner Kinder zu. Zur Sorge um die eigene Gesundheit und ihre wirtschaftliche Existenz kommt die Angst um ihre Sprösslinge im Kita-Alter. Die verstehen weder die Gefährlichkeit des Virus‘ noch die AHA-Regeln. Sie sind deshalb besonders auf die Achtsamkeit und Fürsorge der Erwachsenen angewiesen, zu Hause wie in der Kita.

In dieser Situation können Eltern Zuspruch gut gebrauchen. In Nordrhein-Westfalen versucht Familienminister Joachim Stamp, dies mit Elternbriefen. In ihnen erläutert er die Lage, Taten und Pläne der Landesregierung. Der jüngste Brief des FDP-Politikers an „Eltern und Familien mit Kindern in Kindebetreuungsangeboten“, wie es im schönsten Behördendeutsch heißt, dürfte die Adressaten aber eher verblüfft als beruhigt haben. Denn Stamp bestreitet, dass die britische Virus-Mutante für Kinder gefährlicher sein könnte als das ursprüngliche Virus. Man nehme entsprechende Warnungen ernst, schreibt Stamp, „auch wenn es bislang keinen wissenschaftlich eindeutigen Beleg dafür gibt.“

Was sollen Eltern eigentlich mit dieser Botschaft anfangen? Mehrere britische Forscher haben längst nachgewiesen, dass die Variante B.1.1.7 tödlicher ist als das zuerst verbreitete Virus. Stamp, der auch stellvertretender Ministerpräsident ist, verrät den Empfängern seines Briefes jedoch nicht, was aus diesem „ernst nehmen“ folgt. Stamps Kollege, Gesundheitsminister Josef Laumann (CDU), reagiert da ganz anders: „Wir müssen die Gefahr durch die Mutation eindämmen, deswegen ziehen wir die Corona-Notbremse“, verkündete er letzte Woche und verdonnerte zahlreiche Kommunen, Geschäfte, Sportstätten und Kultureinrichtungen zu schließen.

Die Botschaft Stamps ist auch an anderer Stelle eher dazu angetan, Mütter und Väter zu verunsichern, statt ihnen Hoffnung zu machen. Nasentests seien „gerade für unsere Jüngsten unangenehm und können bei regelmäßiger Anwendung zu Ablehnung durch die Kinder führen“, heißt es in dem Brief. Und er verspricht, Kita-Kinder zu testen, „wenn es ein kindergerechtes und umsetzbares Testsystem gibt.“ Bis dahin wird in den Kitas also nicht getestet. Natürlich können Eltern auf eigene Initiative hin Selbsttests bei den Kleinsten anwenden. Aber wenn sie Stamps Brief ernst nehmen, werden sie lieber darauf verzichten. Test-Gegner unter den Eltern werden sich sogar ermutigt fühlen, den Nachwuchs auf gar keinen Fall einem „unangenehmen“ Test zu unterziehen. Stamps Parole lautet offenbar: Besser nicht testen als unangenehm testen. Eine höchst fragwürdige Strategie.

Der Stamp-Brief hat in den sozialen Medien zu wütenden Reaktionen geführt. Vor allem die Zweifel des Ministers an der besonderen Gefährlichkeit der Virus-Variante B.1.1.7 sorgt für Empörung. Stamp selbst hat auf Twitter darauf hingewiesen, dass es in den Kitas in NRW bei den bestehenden Einschränkungen bleibe. Eine Reaktion auf die deutlich steigenden Infektionszahlen hält er offenbar für nicht notwendig. Damit liegt er ganz auf der Linie seines Ministerpräsidentin Armin Laschet (CDU), der erst kürzlich von der Kanzlerin öffentlich wegen seiner ständigen Lockerungsübungen gerüffelt wurde. Vorsorglich spricht Stamp am Ende seiner Botschaft vom „gegenseitigen Verzeihen von Fehlern“. Sein Kita-Brief zählt wohl zu den Aktionen, bei denen er selbst auf Verzeihung hoffen muss.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 30. März 2021)


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