18.02.2021

Laschet bekommt für seine Corona-Äußerungen von Söder eine Watschn

Als Angela Merkel (CDU) im April letzten Jahres vor „Öffnungsdiskussionsorgien“ warnte, zielte das auf ihren Parteifreund Armin Laschet. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident wollte damals die Corona-Einschränkungen schneller lockern als die Kanzlerin und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Jetzt ist Laschet wieder vorgeprescht: „Man kann nicht immer neue Grenzwerte erfinden, um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet.“

Nun kann man sich den jovialen Aachener nur schwer als Orgien-Fan vorstellen. Aber bei seinem Auftritt vor dem CDU-Wirtschaftsrat in Baden-Württemberg löckte er kürzlich wohl bewusst gegen den Stachel: „Wir können unser ganzes Leben nicht nur an Inzidenzwerten abmessen.“ Das klang geradezu aufrührerisch und als Absetzbewegung des neuen CDU-Vorsitzenden von seiner Kanzlerin. Dabei hatte Laschet in der vergangenen Woche wie alle Ministerpräsidenten dem neuen Inzidenzwert von weniger als 35 Ansteckungen pro 100.000 Menschen als Voraussetzung für neue Öffnungen ausdrücklich zugestimmt.

Wollte Laschet sich wie schon im letzten Frühjahr mal wieder als Öffnungsstratege profilieren? Wollte er gar bewusst liberaler als Söder erscheinen, seinen mutmaßlichen Konkurrenten um die Kanzlerkandidatur der Union? Jedenfalls erschien Laschet als eine Art Wendehals, ehe wieder zurückruderte. Selbstverständlich bleibe es bei dem Grenzwert von 35 und selbstverständlich werde – wie vereinbart – erst am 3. März von den Ministerpräsidenten zusammen mit der Kanzlerin entschieden, wie es denn weitergehen soll. Eine klare Strategie sieht anders aus.

Das ganze Leben nicht nur an Inzidenzwerten ausrichten? Was Laschet kritisierte und dann so nicht gesagt haben wollte, sieht Söder anders. Der jedenfalls wich beim Politischen Aschermittwoch der CSU keinen Millimeter von seinem harten Corona-Kurs ab: „Der Inzidenzwert bestimmt die Öffnung.“ Das war klar an die Adresse des Konkurrenten gerichtet. Ebenso Söders Hinweis, mit einem Inzidenz-Wert von 54 liege Bayern unter dem bundesdeutschen Durchschnitt und stehe zudem besser da als Nordrhein-Westfalen. Lockerungen, so Söder, erforderten Klugheit und Weitsicht, zwei Eigenschaften, die er dem Unionsfreund nördlich des Weißwurst-Äquators damit implizit absprach. Sein dringender Appell, in erster Linie vorsichtig zu sein, stand ebenfalls im Gegensatz zu Laschets Äußerung, es sei populär, „die Bürger zu behandeln wie kleine Kinder.“

Dabei hatte alles beim virtuellen Aschermittwoch der CSU so friedlich begonnen. Armin Laschet wurde für ein Grußwort aus Düsseldorf zugeschaltet. Er war damit der erste CDU-Vorsitzende, der bei diesem traditionellen CSU-Hochamt zu Wort kommen durfte, aus weiß-blauer Sicht eine hohe Auszeichnung. Laschet lieferte beim seinem Kurzauftritt, was man von ihm erwartete. Er pries Bayern, die CSU und Söder überschwänglich, verlor über die Pandemiebekämpfung jedoch kein einziges Wort. Das besorgte später Söder. Es war, wie man in Bayern sagen würde, eine „Watschn“ für den Unionsfreund – wenn auch nur eine virtuelle.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 17. Februar 2021.)


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