11.02.2021

Es bleibt dabei: Gesundheit first, Wirtschaft second

Zum Ersten, zum Zweiten … und zum Fünften: Was Ende Oktober als „Lockdown light“ begann, ist jetzt zum fünften Mal verlängert worden – dieses Mal bis zum 7. März. Das Leben in Deutschland bleibt knapp vier Wochen weiterhin stark eingeschränkt: bei persönlichen Kontakten, im Einzelhandel wie in der Gastronomie, beim Arbeiten wie in der Freizeit, beim Sport wie beim kulturellen Angebot, bei Familienfeiern, Partys und Versammlungen.

Die Befürworter einer „Keine Experimente“-Politik, allen voran die Bundeskanzlerin, haben sich durchgesetzt. Weiterhin gilt der Grundsatz: je weniger Kontakte, umso weniger Chancen für Covid-19. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik. Schließlich sind die Infektionszahlen seit den Mitte Dezember beschlossenen Verschärfungen deutlich gesunken.

Keiner weiß, wie stark die dritte Welle sein wird

Die 21. Auflage dieser Konferenz brachte keine großen Überraschungen. Obwohl die Zahl der Infektionen deutlich zurückgeht und die Intensivstationen wieder freie Betten haben, drohen von den verschiedenen Virus-Mutationen neue Gefahren. Zum einen eine noch höhere Ansteckungsgefahr als beim ursprünglichen Virus. Und zum anderen die Ungewissheit, ob die vorhandenen, ohnehin viel zu knappen Impfstoffe auch gegen die Mutanten ihre volle Wirksamkeit entfalten.

Wer gehofft hatte, das heutige Treffen von Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder werde einen detaillierten Plan beschließen, unter welchen Voraussetzungen welche Beschränkungen wann modifiziert oder ganz aufgehoben werden, wurde enttäuscht. Freilich war bei nüchternem Blick ein solcher „Stufenplan“ nicht zu erwarten. Weil eben niemand vorhersagen kann, wie die Lage in zwei oder vier Wochen sein wird, wie stark eine wahrscheinliche „dritte Welle“ ausfallen wird.

Ein Hin und Her wäre noch schlimmer

Natürlich ist es für alle höchst unbefriedigend, immer wieder mit der Verlängerung der leidigen Einschränkungen konfrontiert zu werden. Aber der Frust wäre noch größer, wenn die ganz große Corona-Koalition jetzt eine „Öffnungsperspektive“ mit konkreten Terminen genannt hätte, die in zwei oder drei Wochen wieder kassiert werden müssten.

Mit Blick auf den Einzelhandel haben Merkel und die 16 Regierungschefs etwas Neues gewagt. Der Einzelhandel soll mit entsprechenden Sicherheitsauflagen wieder öffnen dürfen, wenn die 7-Tage-Inzidenz auf 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern fällt. Dasselbe gilt für Museen, Galerien sowie bei „körpernahen Dienstleistungen“ wie Kosmetik- und Fußpflegestudios. Das Risiko, dass es Menschen aus Regionen mit geschlossenen Geschäften und Kultureinrichtungen dann in andere Städte und Gemeinden zieht, nehmen sie dabei in Kauf. Denn diesen „Tourismus“ zu verhindern, wird nicht möglich sein.

Vom 1. März an werden die Haare wieder kürzer

Die Friseursalons dürfen bereits zum 1. März öffnen. Das ist schön für deren Inhaber und Mitarbeiter. Doch ist diese Lockerung eher als „Bonbon“ für die Bürger zu verstehen. Vielen stehen nämlich die Haare im übertragenen Sinn zu Berge, weil diese inzwischen viel zu lang sind, um noch als Frisur durchzugehen. Wie immer wäre der Bundeskanzlerin eine einheitliche, für alle Länder verbindliche Linie am liebsten gewesen. Aber die für die Schulpolitik zuständigen Länder – allen voran Sachsen, Hessen und Schleswig-Holstein – pochten darauf, selbst über die Öffnung von Schulen und Kitas zu entscheiden. Sie nehmen damit auch die Verantwortung auf sich, falls dadurch die Infektionszahlen ansteigen sollten. Auch das ist nichts Neues: Schon in den vergangenen Monaten gab es in verschiedenen Ländern unterschiedliche Öffnungspraktiken.

Wirtschaft und Bildung trifft es am härtesten

Sehen wir es nüchtern: Bundesregierung und Länderregierungen bleiben vorsichtig. Damit riskieren sie viele unternehmerische Existenzen und viele Arbeitsplätze, was durch die ohnehin schlecht organisierte Auszahlung staatlicher Hilfen nur unzureichend abgefedert wird. Dazu kommen immaterielle Schäden, von denen vor allem Kinder und in Heimen lebende Hochbetagte betroffen sind. Kontakte mit anderen Altersgenossen beziehungsweise mit den eigenen Angehörigen sind gerade für diese beiden Gruppen fast so wichtig wie Luft zum Atmen. Dass Kinder aus sozial schwachen Familien unter weiterhin sehr eingeschränktem Unterricht zu besonders leiden, ist traurige Realität.

Die Defensiv-Strategie der Regierenden gibt der physischen Gesundheit der Bevölkerung den Vorrang vor der psychischen, der Rettung von Leben Vorrang vor der Rettung von Arbeitsplätzen und der Bildung. Dies zu kritisieren ist leichter, als die Verantwortung für Öffnungen auf breiter Front zu übernehmen.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 10. Februar 2021)


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