03.02.2021

Aus Merkels Sicht ist „nichts schiefgelaufen“

Ruhe ist die erste Kanzlerinnenpflicht. Angela Merkel macht fast immer einen unaufgeregten Eindruck. Auch am Dienstag in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“, als sie der Öffentlichkeit eine Art „Bericht zur Lage der Nation nach dem Impfgipfel“ gab. Die Physikerin im Kanzleramt betrachtet nämlich den Kampf zur Eindämmung der Corona-Pandemie wie ein sehr wichtiges physikalisches Experiment: mit gespannter Aufmerksamkeit, aber ohne jedes Anzeichen von Euphorie oder Panik.

Falls Tina Hassel und Rainald Becker vom „Ersten“ gehofft haben sollten, sie könnten Merkel Neues oder gar Sensationelles entlocken, dann wurden sie enttäuscht. Die Kanzlerin verteidigte selbstbewusst die Beschaffung des Impfstoffes durch die Europäische Union. Hätte die EU nicht größere Mengen und schneller bestellen müssen? Merkel sieht das anders: „Im Großen und Ganzen ist nichts schiefgelaufen!“ Allerdings versuchten die beiden Interviewer auch nicht, durch hartnäckiges Nachfragen die Kanzlerin in die Enge zu treiben. Merkels wichtigstes Argument für das Hinterherhinken Europas beim Impfen: Die EU verfüge eben über weniger Produktionsstätten für das Vakzin als die USA, die ihrerseits nichts exportierten. Und: Die EU-Staaten hätten die Hersteller nicht aus der Haftung entlassen wollen, wie das andere Länder taten. Was überlastete Hotlines und andere Pannen bei der Vergabe von Impfterminen betriff, hatte es Merkel leicht. Die Länder wollten „das Einladungsmanagement selbst machen.“ Folglich ist der Bund da fein raus.

Immerhin lieferte Merkel in der Sondersendung zwei wichtige neue Erkenntnisse. Erstens präzisierte sie ihre Aussage, wonach jeder Deutsche bis zum 21. September ein Impfangebot erhalten soll. Merkel: Bis Ende des Sommers soll jeder Impfwillige mindestens „die erste Impfung“ erhalten haben. Und zweitens stellte sie mit Blick auf Ostern Lockerungen wie im letzten Sommer in Aussicht. Die bestehenden Beschränkungen jedoch mal schnell für 14 Tage aufzuheben, das lehnt die Kanzlerin ab. Gesucht wird eben ein „nachhaltiger Weg“ aus dem Lockdown, was wohl weitere „bittere Wochen“ bedeutet. Dazu passte Merkels Bitte zum weiteren „Durchhalten“.

Die Kanzlerin nutzte den TV-Auftritt zu einer Korrektur. Den Begriff „neue Freiheiten“ für Geimpfte, den sie gestern verwendet hatte, hält sie ebenso für das falsche Wort wie „Privilegien“. Es gehe um die Rückkehr zum „normalen Leben“, auf das jeder einen Anspruch habe. Aber solange man nicht wisse, ob selbst Geimpfte das Virus übertragen könnten, könne es auch für diesen Personenkreis keine Erleichterungen geben. Erst wenn feststehe, dass Geimpfte niemanden anstecken, dann könne man, so Merkel, dieser Gruppe ihre Freiheiten schneller wieder zurückgeben als etwa solchen Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen.

Merkels Strategie war klar: Sie wollte nicht über mögliche Versäumnisse diskutieren, sondern den Blick nach vorn richten, um „Vertrauen in diese Impfstoffe kämpfen“, und vor allem Mut machen. Ihre Botschaft: Dieses Virus können wir besiegen, wenn wir durchhalten. Große Versprechungen waren in den vergangenen 15 Kanzlerinnenjahre nie Merkels Sache. Die Kanzlerin baut auf die Vernunft der Bürger – und dass diese sich von Merkels unaufgeregter Herangehensweise beeinflussen lassen. Die beiden Moderatoren jedenfalls wirkten überzeugt.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 2. Februar 2021)


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