15.12.2020

„Und Friede den Parteifreunden auf Erden, die guten Willens sind“

Wenn drei Bewerber um den CDU-Vorsitz aufeinander treffen, kann man nicht von einem Duell sprechen. Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Rötten traten am Montagabend formal also zu einem Triell an, der ersten von zwei fernsehöffentlichen Kandidatenrunden vor dem CDU-Parteitag am 15./16. Januar. Doch wer sich auf harte Kontroversen eingestellt hatte, auf klare Abgrenzungen der drei Bewerber um die Nachfolge der glücklosen Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze der CDU, der wurde enttäuscht. Da traten nicht „Drei von der Zankstelle“ auf, sondern ein „Harmonists“-Trio.

War es vorweihnachtliche Friedfertigkeit oder die Sorge, ja niemanden zu verprellen? Die drei Kandidaten präsentierten sich als distinguierte Herren mit guten Manieren. Doch die Zuschauer – die Runde wurde vom TV-Sender Phoenix und im CDU-Stream live übertragen – hatten Schwierigkeiten, größere inhaltliche Unterschiede festzustellen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet gab sich nicht als männliche Angela Merkel, der Wirtschaftsexperte Merz nicht als gnadenloser Kritiker der Merkel-Ära und der smarte Röttgen nicht als penetranter Besserwisser. Nein, alle drei gerierten sich wie Enkel des früheren sozialdemokratischen Bundespräsidenten Johannes Rau: „Versöhnen statt spalten. Wer Unterschiede suchte, musste genau hinhören

Die Konkurrenten saßen im Konrad-Adenauer-Haus mit einem in diesen Zeiten eher zu geringem Abstand an einem runden Tisch. CDU-Mitglieder hatten per Mail oder Video Fragen einreichen können, von denen die CDU-Bundesgeschäftsstelle einige ausgewählt hatte. Moderiert wurde die Runde von der Journalistin Tanja Samrotzki, die etwas krampfhaft dem Ganzen die Form eines Bewerbungsgesprächs beim „Arbeitgeber CDU“ zu geben versuchte. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak hatte vorhergesagt, alle anderen Parteien würden die CDU „um diese Kandidaten beneiden.“ Jedenfalls demonstrierte jeder der drei Eloquenz wie Sachkunde.

Nein, es gab keinen Streit, keine persönlichen Spitzen, keine verbalen Tritte ans Schienbein. Man musste schon genau hinhören, um die Unterschiede zu erkennen. Friedrich Merz, der bei potentiellen CDU-Wählern das höchste Ansehen genießt, setzte klare Schwerpunkte: die soziale Marktwirtschaft ökologisch erneuern, jungen Familien beim Aufbau ihrer Existenz ebenso helfen wie jungen Firmengründern, Europa stärken. Er wolle dem Land aufgrund seiner beruflichen wie politischen Erfahrung „etwas geben“.

Laschet macht geschickt auf Regierungschef

Armins Laschet definierte sich selbst als leidenschaftlichen Christdemokraten, der das christliche Menschenbild auch unter veränderten Bedingungen zum Maßstab nimmt. Recht geschickt ließ er immer wieder einfließen, dass er anders als seine Konkurrenten bereits ein Land von der SPD zurückgewonnen habe und dass er nicht nur Vorschläge mache, sondern konkrete Politik. Norbert Röttgen wollte in erster Linie Erneuerer und Modernisierer sein. Ihn treibt nach eigenen Worten der Rückstand Deutschlands bei der Digitalisierung ebenso um wie der Rückstand Europas gegenüber China. Als Parteivorsitzender will er die CDU “weiblicher, jünger, digitaler und dynamischer“ machen. Röttgen, innerpartelich von der Frauen-Union unterstützt, gab sich so frauenbewegt, dass er sogar von „Mitgliederinnen“ sprach.

Doch für eine echte Kontroverse gab das Frauenthema nicht viel her. Röttgen hat die unbekannte Landtagsabgeordnete Ellen Demuth aus Rheinland-Pfalz zu seiner Chefstrategin ernannt, Merz lässt sein Wahlkampfteam von Patricia Lipps, einer hessischen Bundestagsabgeordneten aus der dritten Reihe leiten. Laschet fordert dagegen, dass mehr Frauen in richtige Ämter kommen, so wie bei ihm im Düsseldorfer Kabinett. Und alle drei sind für die Frauenquote, Röttgen und Laschet eher freudig, Merz eher notgedrungen.

Merz gelingt ein gekonnter Seitenhieb auf Merkel

Laschet hatte einen starken Moment, als er auf die sozialen Verwerfungen als Folge der Pandemie hinwies. Auch Röttgen sprach besorgt von der wachsenden sozialen Ungleichheit. Diese bestritt Merz nicht, rechnete zugleich aber vor, dass ohne die „Zuwanderung in die sozialen Systeme“ nach 2015 die Zahl der Hartz IV-Empfänger heute eine Million niedriger wäre. Das war sein deutlichster Seitenhieb auf die Politik Angela Merkels, der aber unwidersprochen blieb. Selbst Laschet, in der Flüchtlingskrise der treueste Unterstützer der Kanzlerin, wollte da nicht widersprechen. Ob die Bewerber mit ihrem Auftritt ihre eigenen Anhänger unter den 1001 Parteitagsdelegierten motiviert oder Unentschlossene überzeugt haben, bleibt offen. Jedenfalls ist keinem der drei ein entscheidender Treffer gelungen, ist keinem ein böses Foul unterlaufen, hat keiner eine hundertprozentige Torchance verstolpert. Das Ergebnis des Schlagabtauschs war etwas, was es eigentlich gar nicht gibt: ein dreifaches Unentschieden. Irgendwie passte die Veranstaltung zur vorweihnachtlichen Stimmung: „Und Friede den Parteifreunden auf Erden, die guten Willens sind“.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 14. Dezember 2020)


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