29.07.2020

Pflicht-Test für Urlauber kommen zu spät

Kein Zweifel: Viele sind leichtsinnig geworden, nehmen das Corona-Virus nicht mehr so ernst, wie sie das müssten. Die einen hängen eng auf einander und lassen Bierflaschen kreisen, andere halten sich mit einer Schutzmaske unterm Kinn für besonders cool, nicht wenige achten nicht mehr auf Abstand und Hygiene, weil sie sich für unbesiegbar halten. Das Leichtsinns-Virus hat auch die Politik befallen. Als die Reiserestriktionen gelockert wurden, hätte man wissen müssen, dass viele Bürger das für einen amtlichen Freifahrtschein ins Abenteuer halten. Ob Risikogebiet oder nicht: Viele Urlauber halten alles für ungefährlich, was nicht ausdrücklich verboten ist.

Ein Test allein hilft nicht viel

Jetzt reagiert die Politik: Wer sich bei der Auswahl seines Urlaubsziels nicht darum gekümmert hatte, wie hoch das Infektionsrisiko dort ist, soll nach der Rückkehr getestet werden - auf staatliche Anordnung. Anders ausgedrückt: Die Regierung führt eine Testpflicht ein. Das ist nicht nur richtig und notwendig; das ist überfällig. Wobei die Aussagekraft eines einmaligen Tests nur eine begrenzte Aussagekraft hat. Wenn wir sicher gehen wollen, dass die Heimgekehrten das Virus nicht einschleppen und verbreiten, müssen diese Tests wiederholt werden.

Wahrscheinlich hätte mancher sein Fernweh unterdrückt, wenn die Politik schon vor Beginn der Reisesaison klargemacht hätte, dass Risikourlauber sich testen lassen müssen - und zwar auf eigene Kosten. Die Regierungen in Bund und Ländern haben genau dies versäumt. Weil auch die Damen und Herren Gesundheitsminister leichtsinnig geworden sind. Wohl auch deshalb, weil die Politiker aller Parteien es nicht wagten, den reisewütigen Deutschen klar zu machen, dass ihr individuelles Urlaubsglück angesichts der Gefahr einer zweiten Pandemie-Welle zurückzustehen hat.

Covid-19 ist und bleibt aktiv - aktiver als viele Politiker

Die Politik will die Testpflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten jetzt endlich einführen. Dieser Corona-Check kommt zu spät, aber immerhin kommt er. Dass den Regierenden der Mut fehlt, die Rückkehrer zur Übernahme der Kosten zu verpflichten, ist ärgerlich, aber auf die Schnelle wohl nicht zu ändern. Umso wichtiger wäre es, dass die Regierung zusammen mit dem Robert-Koch-Institut genau prüft, ob der Kreis der als Corona-Schleudern klassifizierten Länder nicht größer gefasst werden muss. Denn eines ist sicher: Covid-19 ist höchst aktiv - aktiver als die Politik.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 30. Juli 2020)


» Artikel kommentieren

Kommentare

Ihr Kommentar ist gefragt

Dieser Blog lebt auch von Ihren Kommentaren. Bitte beachten Sie jedoch beim Kommentieren unbedingt die Blogregeln. Wir weisen außerdem daraufhin, dass wir keine Links in den Kommentaren akzeptieren.

CAPTCHAX



Drucken
Müller-Vogg am Mikrofon

Presse

20.06.2020 | Manheimer Morgen

Saumagen und Wein als Abschied

» mehr

Buchtipp

Wolfgang Bosbach: "Endspurt - Wie Politik tatsächlich ist - und wie sie sein sollte“. Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg.

Wolfgang Bosbach:

» mehr

Biografie

Dr. Hugo Müller Vogg

Hugo-Müller-Vogg

» mehr