28.06.2020

Corona darf uns nicht spalten

Covid-19 ist ein im doppelten Sinn gefährliches Virus: Es wird noch vielen Menschen den Tod bringen. Und es könnte die Gesellschaft spalten – in Jung und Alt. Denn nicht wenige Mediziner, Politiker, Publizisten verbreiten die Botschaft, wenn die Alten einfach zu Hause blieben, könnten die Jungen wieder „normaler“ leben, und die Wirtschaft würde bald wieder auf Touren kommen.

Zweifellos sind die Älteren gefährdeter als die Jüngeren; das Durchschnittsalter der Corona-Toten liegt hierzulande bei rund 80 Jahren. Aber die Jungen sind nicht so unverwundbar, wie manche sich fühlen und verhalten. Gleichwohl wird gerne so getan, als gäbe es ein einfaches Rezept, „die Kurve flach zu halten“: Die ganz Alten in den Heimen einsperren und den „jungen Alten“ in der Altersklasse 60 plus die Teilnahme am öffentlichen Leben zu vergällen.

Wer solches propagiert, verstößt gegen einen fundamentalen Grundsatz unserer Gesellschaft: Dass nämlich jedes Leben gleich viel wert ist. Deshalb verbietet sich jede Altersdiskriminierung, und ist es auch nicht hinnehmbar, den wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Jungen Vorrang einzuräumen.

Gerade weil die „neue Normalität“ ein Leben mit dem Virus bedeutet, brauchen wir eine „friedliche Koexistenz“ der Generationen. Wir müssen diejenigen schützen, die besonders gefährdet sind, ohne ihr Recht einzuschränken, so weit wie möglich am Leben teilzunehmen. Die seit Mitte Mai geltenden Lockerungen können diesen Spagat erleichtern. Dabei sind Einfallsreichtum und Kreativität gefragt.

Für Großeltern und Enkel ist es gleichermaßen schwer und schmerzlich, sich nicht in den Arm nehmen zu können, für Erwachsene und ihre betagten Eltern ebenso. Aber das schließt Begegnungen – auf Abstand – nicht aus. Die bevorstehende sommerliche Zeit erlaubt Treffen im Freien, was die Infektionsgefahr zusätzlich reduziert. Da zudem wieder Begegnungen mehrerer Personen außerhalb eines Haushaltes möglich sind, können auch befreundete Ältere wieder zusammen kommen.

Wer die Alten „einsperren“ will, damit die Jungen arbeiten und Geld ausgeben können, übersieht eine wichtige volkswirtschaftliche Tatsache: Die Generation 60 plus verfügt über eine besonders hohe Kaufkraft. Wer sie vom gesellschaftlichen Leben ausschließt, schadet nicht nur den Angehörigen dieser Jahrgänge, sondern dem Einzelhandel und der Gastronomie. Falls die räumliche Trennung der Generationen weiterhin notwendig sein sollte, böten sich spezielle Öffnungszeiten von Geschäften und Restaurants für die über 60-Jährigen an.

Die größte Herausforderung ist die Infektionsgefahr in Senioren- und Pflegeheimen. Die Menschen dort leiden besonders unter Einsamkeit. Mittlerweile gibt es Beispiele, wie Heimbewohner in Containern vor der Einrichtung besucht werden können – unter strikten Hygieneauflagen. Das ist immer noch besser, als Senioren das letzte bisschen Glück am Ende ihres Lebens – nämlich Besuche ihrer Lieben – ganz zu verweigern. Die Coronakrise verlangt uns allen viel ab. Aber der Respekt vor der Lebensleistung der älteren Generation wie vor den Grundprinzipien unserer freiheitlichen Gesellschaft verbieten es, im „Wegsperren“ der Alten eine Lösung zu sehen. Was aber die Disziplin der Älteren bei weiteren Lockerungen angeht: Die dürfte deutlich größer sein als bei manchen, von sich selbst berauschten Fußballmillionären.

(Veröffentlicht in: „alt & jung“, Union der Generationen. Ausgabe 2/2020, Juni 2020)


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