13.06.2020

Das Runde muss ins Eckige – ohne politischen Drall

Eigentlich sind die Regeln klar und eindeutig: Die deutsche Fußballprofis dürfen auf dem Platz keine „politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften, Bilder oder Werbeaufschriften“ zur Schau stellen. So schreibt es die FIFA, der Weltverband des Fußballs vor, so haben es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) festgelegt. Doch seit einzelne Bundesligaspieler und ganze Mannschaften an das Gewaltopfer George Floyd erinnern und gegen Rassismus demonstrieren, ist nichts mehr klar. Keiner der Protestierenden wurde sanktioniert oder ermahnt. Im Gegenteil: DFB-Präsident Fritz Keller äußerte seinen Stolz auf diese „Spieler mit Haltung“, viele andere Funktionäre taten es ebenso.

Die Inkonsequenz der Fußball-Funktionäre ist offenkundig – und doch verständlich. Schließlich treten Verband und Liga seit Jahren aus naheliegenden Gründen für Werte wie Offenheit, Vielfalt, Integration und Toleranz ein. Denn der Fußball mit seinen zahlreichen ausländischen Spielern und noch mehr Aktiven mit Migrationshintergrund ist noch bunter als die deutsche Gesellschaft insgesamt. Da sich auf den Rängen auch Rassisten und Ausländerfeinde tummeln, zeigt der DFB Flagge und fördert zahlreiche Projekte gegen Rassismus. Dazu gehört unter anderem die jährliche Verleihung des Julius- Hirsch-Preises für antirassistische Projekte, benannt nach dem in Auschwitz ermordeten jüdischen Nationalspieler Hirsch.

Wie wichtig dieses Engagement ist, zeigt sich fast an jedem Spieltag. Manche „Fans“ beleidigen dunkelhäutige Spieler der gegnerischen Mannschaft – bevorzugt im Schutz der sie umgebenden Zuschauermassen. Das ist freilich nicht immer ein Anzeichen tief verwurzelten Antirassismus‘, sondern bisweilen „nur“ Ausdruck besonderer Dummheit. Dazu eine persönliche Reminiszenz: Als Eintracht Frankfurt 1989 gegen den FC Saarbrücken in der Relegation um den Verbleib in der 1. Liga kämpfte, beleidigten Frankfurter Pöbler den für die Saarländer stürmenden Anthony Yeboah mit „Uff, uff, uff – Banane“-Gebrüll. Als derselbe Yeboah ein Jahr später im Eintracht-Trikot Tor um Tor schoss und zwei Mal Torschützenkönig wurde, lagen ihm dieselben „Fans“ zu Füßen. Da wurde der schwarze Torschützenkönig aus Ghana zum „Frankfurter Bub“. Gleichwohl: Das Prinzip „Wehrt den Anfängen“ ist in solchen Fällen immer richtig.

Auch wenn es pedantisch klingen mag: Es macht schon einen Unterschied, ob DFB und die DFL sich gemeinsam mit der ganzen Liga politisch positionieren, oder ob einzelne Mannschaften oder Spieler dies tun – durch entsprechende Slogans auf dem T-Shirt, eine Armbinde oder einen symbolischen Kniefall. Selbstverständlich hat jeder “Spieler mit Haltung“ das Recht, seine politischen Überzeugungen als Privatperson zu äußern. Sollte es jedoch üblich werden, dass die Profis ihre Ansichten auf dem Spielfeld, also an ihrem Arbeitsplatz, verbreiten, droht dem Fußball Gefahr.

Fußballfans haben politisch höchst unterschiedliche Einstellungen. Aber wenn „ihr“ Verein ein Tor schießt, liegen sich Anhänger von CDU, Grünen und Linken dennoch selig in den Armen. Das zeigt sich selbst in den verschiedenen Fan-Clubs im Bundestag, in denen Abgeordnete unterschiedlicher Couleur friedlich koexistieren und gemeinsam vor dem Bildschirm mit ihrem Club mitfiebern. Neben dem „Fußballgott“ ist eben kein Platz für politische Neben-Götter. Oder muss man sagen, war bisher kein Platz? Es ist nämlich nicht auszuschließen, dass der Persilschein des DFB-Präsidenten für die von ihm hoch gelobten „mündigen Spieler“ das Tor zu einer Politisierung des Fußballs aufgestoßen hat.

Das eigentlich selbstverständliche Eintreten von Spielern und Vereinen gegen Rassismus hat unter den Fans bereits zu Gegenreaktionen und Protesten geführt. Wenn es um Menschenwürde und Toleranz, Vielfalt und Antirassismus geht, muss und wird der Fußball die üblen Reaktionen mancher Fans aushalten. Man kann die völkerverbindende Funktion des Sports nicht immer wieder hervorheben, aber gegenüber dem auch in den Stadien verbreiteten Rassismus nichts entgegensetzen. Was aber, wenn „mündige“ Spieler ihre Popularität und die hohen TV-Einschaltquoten nutzen, um für ihre persönlichen politischen Anliegen zu werben, etwa für mehr Verständnis für die Politik Erdogans oder größere Anstrengungen der EU bei der Seenotrettung? Wie stolz wären Keller und das Gros der Fußballfunktionäre, wenn Spieler nach einem Tor ihr Trikot lüpften, um „FCK AfD“ oder „Stoppt Die Linke“ zu enthüllen. Die Stadien würden zu politischen Arenen, und der Fußball würde einbüßen, was ihn ausmacht – dass die Liebe zur eigenen Mannschaft stärker ist als all das, was die Fans in den Kurven oder vor den Bildschirmen auch sonst trennen mag.

Fritz Keller ist zweifellos ein sehr erfolgreicher Winzer und Hotelier; er hat auch den FC Freiburg erfolgreich geführt. Als DFB-Präsident konnte er bisher noch kein Profil gewinnen, wirkt sichtbar überfordert. Jetzt hat er das Tor zur Politisierung der Bundesliga weit aufgestoßen – mit ungewissem Ausgang.

(Veröffentlicht auf www.cicero.de am 13. Juni 2020)


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