02.05.2020

„Nach Corona“ wird vieles etwas anders sein, aber nicht alles ganz anders

Das Corona-Virus kostet unzählige Menschen das Leben, hinterlässt bei vielen gesundheitliche Schäden, stürzt die Weltwirtschaft in eine schwere Rezession. Doch nicht wenige Propheten und Visionäre sehen in der Krise die ganz große Chance auf ein Zurückdrehen der angeblich so schädlichen Globalisierung, auf eine grundlegende Verbesserung unseres Gesundheitssystems, auf ein humaneres Wirtschaften, kurz „auf die Chance auf eine bessere Welt“, wie der „Spiegel“ kürzlich auf seinem Titel verkündete. Noch weiß niemand, wie lange die Pandemie unser Leben beeinflusst. Von der Zeit „nach Corona“ wird man erst sprechen können, wenn es einen Impfstoff oder zumindest ein wirksames Medikament gegen Covid-19 in ausreichender Menge gibt. Natürlich wird die Welt dann nicht mehr dieselbe sein wie noch am Jahreswechsel 2019/2020, als wir Corona weitgehend als ein lösbares chinesisches Problem ansahen. Aber wird das Leben grundsätzlich anders verlaufen?

Da sind Zweifel angebracht, wie der Blick auf zurückliegende einschneidende Ereignisse zeigt. Hatte es nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht geheißen, diese würden die Welt grundlegend verändern? Oder war nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 nicht der weltweite Verzicht auf Kernkraft gefordert und prognostiziert worden? Richtig ist: Die Sicherheitsstandards im Flugverkehr sind nach „9/11“ verschärft worden, was dessen kräftige Ausweitung aber nicht behindert hat. Auch sind nach Fukushima tatsächlich Kernkraftwerke stillgelegt worden, vor allem in Deutschland; aber weltweit sind viel mehr in Betrieb genommen worden. Es spricht also vieles dafür, dass sich auch dieses Mal nichts alles grundlegend ändern wird.

Ein spürbarer Digitalisierungsschub

Für die nachhaltigste Veränderung sorgt Corona sicherlich bei der Digitalisierung. Im Homeoffice entdeckt mancher bisher ungeahnte Möglichkeiten der Kommunikation, in den Schulen ersetzt das iPad die Tafel, Enkel bringen Großeltern bei, dass man sich per Skype unterhalten und sehen kann. Das alles ist aber keine Corona-bedingte IT-Revolution. Vielmehr wird unter Druck beschleunigt, was ohnehin zu erwarten war. Das gilt insbesondere für die Schulen und große Teile des öffentlichen Dienstes.

Kein Zurück zur wirtschaftlichen Autarkie

Die plötzliche Unterbrechung weltumspannender Lieferketten hat zweierlei deutlich gemacht: den hohen Grad der internationalen Verflechtung unserer Wirtschaft und ebenso ihre Störanfälligkeit. Das wird zu Änderungen führen. Unternehmen werden wieder größere Lager einrichten und sich nicht darauf verlassen, dass alles „just in time“ per Flugzeug oder Lkw zu bekommen ist. An die Stelle eines Lieferanten aus Fernost werden vielleicht mehrere Bezugsquellen in unterschiedlichen Regionen treten. Was allerdings keine Garantie für eine störungsfreie Versorgung mit Vorprodukten oder Bauteilen ist, wenn etwa eine andere Pandemie mehrere europäischen Staaten lahmlegt.

Die internationale Arbeitsteilung wird keinesfalls durch die wirtschaftliche Autarkie von Nationalstaaten ersetzt werden. Dies wäre mit erheblichen Wohlstandsverlusten gerade in den Entwicklungs- und Schwellenländern verbunden – und mit deutlich höheren Kosten am Standort Deutschland. Auch „nach Corona“ wird es Controller geben, die auf Kosten achten, weil die Unternehmen darauf achten müssen. Wer einer De-Globalisierung das Wort redet, übersieht außerdem einen ganz praktischen Aspekt. Wir hätten in Deutschland gar nicht genug Arbeitskräfte, um etwa Textilien oder Komponenten für Autos und Maschinen ausschließlich hierzulande zu fertigen. Und eine expansive Zuwanderung von Arbeitskräften würde andere Schwierigkeiten – und Kosten – mit sich bringen.

Im Gesundheitswesen bleiben Kosten ein Faktor

Es könnte sein, dass sich bisher unbekannte Viren künftig häufiger in aller Welt verbreiten. Das legt eine Intensivierung der Forschung ebenso nahe wie einen Ausbau medizinischer Kapazitäten. Sicherlich wird die Produktion von Arzneimitteln teilweise neu organisiert. Deutschland ist längst nicht mehr die Apotheke der Welt. Unsere Pharmaunternehmen beziehen lebenswichtige Wirkstoffe fast ausschließlich aus Fernost. Das ist nicht nur die Folge von unternehmerischem Gewinnstreben, sondern auch von politischen Vorgaben. Der Druck der Krankenkassen, die Preise für Medikamente zu dämpfen, hat die Verlagerung der Produktion nah Indien oder China befördert.

Nach den Corona-Erfahrungen liegt es nahe, bestimmte Medikamente wieder im eigenen Land herzustellen und Vorräte anzulegen. Das werden die Unternehmen nur tun, wenn der Staat beziehungsweise die Krankenkassen sich an der Finanzierung beteiligen. Letzten Endes wird eine „neue“ Gesundheitspolitik für die Steuer- und Beitragszahler teurer. Dabei spielt es keine Rolle, ob es neben staatlichen weiterhin private Kliniken geben darf. Die Kosten bleiben auch in Zukunft ein wichtiger Faktor im Gesundheitssystem. Und je schneller die Erinnerungen an die Coronakrise verblassen, umso wichtiger wird dieser Faktor wieder werden.

Der Staat wird auch künftig nicht der bessere Unternehmer sein

Die Krise ist nicht nur die Stunde der Exekutive; der Staat ist plötzlich der entscheidende „Player“. Das kann gar nicht anders sein. Rettungsschirme lassen sich nicht privatwirtschaftlich organisieren. Kredite in schwindelerregenden Höhen können nur Staat und Notenbanken verbürgen. Joschka Fischer schließt für die Zeit nach der Krise daraus: „Der Vorsorgestaat wird seine Führung in allen strategischen Fragen gegenüber der Wirtschaft beanspruchen und auch durchsetzen.“

Nein, das wird er nicht. Denn der Staat muss in den nächsten Jahrzehnten erst einmal versuchen, die zusätzlichen Schulden abzubauen, die er jetzt – aus guten Gründen – anhäuft. Fischers Vorsorgestaat wird gar nicht die Mittel haben, um die Produktion im großen Stil durch finanzielle Anreize zu lenken, etwa in Richtung eines ökologischen Umbaus. Natürlich kann der Staat auf administrativem Weg durchsetzen, was er für richtig hält. Aber dazu müsste er unsere staatlich regulierte und kontrollierte marktwirtschaftliche Ordnung in eine staatlich gelenkte Planwirtschaft umwandeln – mit entsprechenden negativen Folgen für die Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit. Denn der Staat war noch nie der bessere Unternehmer – und wird es auch „nach Corona“ nicht sein.

Das Homeoffice ist nicht das Paradies

Arbeitnehmer und Unternehmer haben auf die vielfältigen Beschränkungen seit Mitte März flexibel und kreativ reagiert. Das Homeoffice ist für viele Berufstätige zum neuen Arbeitsplatz geworden. Das macht uns in Zukunft noch lange nicht zu einem Volk von Heimarbeitern. Schon deshalb nicht, weil sich am heimischen Wohnzimmer- oder Küchentisch nichts produzieren, nicht reparieren und auch keine Supermarktkasse bedienen lässt. Was aber viel wichtiger ist: Team-Arbeit per Bildschirm kann keine Dauerlösung sein, jedenfalls keine produktive. Ganz abgesehen davon, dass viele Arbeitnehmer den Kontakt zu ihren Kollegen vermissen, wenn sie diese allenfalls noch sporadisch treffen.

Im Übrigen empfiehlt es sich beim Blick nach vorn zwischen Ausnahmesituationen und dem Regelfall zu unterscheiden. Videokonferenzen sind hilfreich, wenn ein persönliches Treffen nicht möglich ist. Gut möglich, dass wir in Zukunft bisweilen eine kurze Konferenz per Video abhalten, und so die Zeit für die An- und Abfahrten ersparen. Gleichwohl kann der Dialog per Bildschirm die persönliche Begegnung auf Dauer nicht ersetzen. Nach sechs Wochen Lockdown kennen sich die Beteiligten noch persönlich. Schwieriger wird es, wenn neue Gesprächspartner und Kollegen dazukommen, bei denen man nicht jede beiläufige Bemerkung einzuordnen weiß. Es wird also auch „nach Corona“ wieder sehr viele Meetings und Besprechungen mit physisch Anwesenden geben. Denn für direkte Kontakte gibt es keinen adäquaten Ersatz, weil man beispielsweise auch die Körpersprache seines Gegenübers wahrnehmen muss, um ihn richtig einschätzen zu können.

Mit Auto, Bahn und Flugzeug …

Aus grün-ideologischer Sicht mag die Aussicht verlockend sein, dass die zwangsweise „geerdeten“ Flugzeugflotten in Zukunft nur noch ganz selten abheben dürfen. Realistisch ist diese Hoffnung oder Annahme freilich nicht. Die Menschen hat es schon immer und zu allen Zeiten in die Ferne gezogen – aus wirtschaftlichen Gründen, um andere zu treffen, oder schlicht aus der Lust an der Entdeckung unbekannter Gegenden und Länder. Deshalb werden die Flugzeuge bald wieder eine wichtige Rolle spielen. Wobei nicht auszuschließen ist, dass die Sicherheitskontrolle um einen Gesundheits-Schnell-Check erweitert wird. Das würden die Passagiere halb verständnisvoll, halb murrend ebenso hinnehmen, wie sie die verschärften Sicherheitsmaßnahmen nach „9/11“ akzeptiert haben. (Das muss ja nicht überall so schlecht organisiert sein wie im Flughafen Berlin-Tegel.)

Natürlich werden viele Unternehmen – wie nach jeder Rezession – zunächst einmal versuchen, an den Flug- und Reisekosten zu sparen. So etwas hält aber nie lange an. Sobald die Wirtschaft wieder auf Normaltouren läuft, wird wieder kräftig gereist werden – mit allem was rollt und fliegt.

Der alte Adam bleibt „nach Corona“ derselbe

Um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie abzumildern, ist der Staat mehr gefordert denn je. Das verlockt viele links-grüne Politiker, Publizisten und Propheten, grundlegenden Veränderungen anzukündigen – Klimarettung auf Kosten wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, einen kräftigen Ausbau der ohnehin opulenten Sozial- und Transferleistungen, eine noch höhere Subventionierung der Kultur, mehr staatliche Eingriffe auf allen Ebenen. Finanziert werden soll das durch höhere Steuern und Abgaben, also durch noch mehr Umverteilung. Die „bessere Welt“ soll eine grüne Republik sein, bevölkert von Menschen mit neuem Bewusstsein, finanziert von den „Reichen“, jedenfalls von denen, die Deutschland nicht fluchtartig verlassen.

Doch lassen sich wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten nicht ausheben, wie alle Experimente mit „neuen“ Wirtschaftsordnungen gezeigt haben. Das Prinzip „Von nichts kommt nichts“ ist immun gegen jeden Virus. Vor allem aber wird es keinen neuen Menschen geben. Der alte Adam bleibt nach Corona derselbe. Dieser Durchschnittsbürger ist kein eiskalter Profitmaximierer, doch legt er Wert darauf, dass sein Einsatz und seine Arbeit sich materiell auszahlen – und zwar für ihn. Er ist weder ideologisch noch extremistisch festgelegt, sondern denkt bei politischen Entscheidungen ganz pragmatisch zuerst an deren Auswirkungen für sich und seine Familie. Er ist kein reinrassiger Egoist, aber solidarisch verhält er sich eher gegenüber Personen, die ihm nahestehen, als gegenüber irgendwelchen sozialen Gruppen. Er macht sich schon Gedanken über die Zukunft, aber die Probleme der Gegenwart und deren Lösung liegen ihm mehr am Herzen. Er ist nicht sonderlich an Parteiprogrammen und Zukunftsentwürfen interessiert, sondern will vor allem eines: vernünftig und effizient regiert werden. Der deutsche Normalbürger wird „nach Corona“ kein anderer sein als noch zu Beginn des Jahres 2020. Deshalb sei die Prognose gewagt: „Nach Corona“ wird vieles etwas anders sein, aber nicht alles ganz anders.

(Veröffentlicht auf www.cicero.de am 1.Mai 2020)


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