28.04.2020

Wenn AKK doch geschwiegen hätte …

Annegret Kramp-Karrenbauer ist eigentlich gut ausgelastet. Als Verteidigungsministerin ist sie besonders gefordert, unabhängig davon, ob gerade neue Kampfjets gekauft werden oder nicht. Zudem ist die Bundeswehr beim Kampf gegen die Corona-Pandemie im Einsatz. Obendrein muss „AKK“ als Noch-CDU-Vorsitzende dafür sorgen, dass angesichts von Umfragezahlen von knapp 40 Prozent die Parteifreunde nicht übermütig wird. Auch ist die Frage offen, wann und wie im Zeichen von Corona der neue CDU-Vorsitzende gewählt werden soll. Nein, von Arbeitsmangel kann im Hause Kramp-Karrenbauer keine Rede sein.

Dennoch versucht sich Kramp-Karrenbauer zusätzlich als Anti-Corona-Kämpferin und bringt einen neuen Maßstab für weitere Lockerungen ins Spiel: Die Zahl der Neuinfektionen pro Tag. Die liegt zurzeit bei mehr als 2000 und ist damit nach Ansicht Kramp-Karrenbauers zu hoch, um über weitere Lockerungen zu reden. Sinnvoll sei dies erst bei 1000 Neuinfektionen pro Tag "oder noch besser bei 600 oder bei 500". Natürlich hat AKK wie jeder andere Politiker das Recht, sich in die Lockerungsdebatte einzuschalten. Fragt sich nur, wie sinnvoll das ist. Der neue AKK-Maßstab – weniger als 1000 Neuinfektionen pro Tag – trägt allenfalls zur Verwirrung bei. Was haben wir nicht alles gelernt seit März! Erst hieß das Ziel „Flatten the curve“, also den Anstieg der Zahl der Infizierten flach zu halten. Dann wurde die Verdoppelungszeit zum wichtigsten Kriterium: Alle Anstrengungen wurden darauf gerichtet, die Zeit bis zur Verdoppelung der Zahl der Erkrankten erst auf zehn und dann auf 14 Tage zu verlängern. Inzwischen sind wir bei 55,9 Tagen.

Als die Kurve flacher wurde und die Zeiträume zwischen den Verdoppelungen länger, tauchte der nächste Maßstab auf: Die Reproduktionszahl (R). Von Stund‘ galt, dass ein Infizierter allenfalls einen bisher Gesunden anstecken soll und nicht gleich mehrere, wie das nach Ausbruch der Pandemie der Fall war. Auch dieses Ziel ist erreicht. Wobei niemand weiß, ob die eingeleiteten Lockerungen den R-Faktor nicht wieder über 1 bringen.

Man muss den Politikern zugestehen, dass sie es in der derzeitigen Lage sehr schwer haben. Corona ist eine völlig neuartige Herausforderung. Und die Virologen, für die vieles auch Neuland ist, können der Politik nur bedingt helfen. Seit März hat jeder dieser Experten seine eigenen Einschätzungen schon korrigieren müssen. Und untereinander widersprechen diese Wissenschaftler sich sowieso. Dies alles ist für die Bevölkerung verwirrend genug. Zu den Sorgen um die eigene Gesundheit, die Familie und die Sicherheit des Arbeitsplatzes kommt das Gefühl hinzu, „die da oben“ änderten alle paar Tage ihre Meinung.

Kramp-Karrenbauer hat dieses Unbehagen mit ihrem neuen Maßstab zusätzlich befördert. Zumal ohnehin nicht klar ist, warum die Zahl 1000 plötzlich entscheidend sein soll. Warum nicht 1200 oder 800? Nein, der AKK-Vorstoß stiftet mehr Verwirrung, als dass er hilft. Manchmal sind eben die Statements die besten, die erst gar nicht abgegeben werden.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 27. April 2020)


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