23.04.2020

Nur wenn der Ball rollt, rollt auch der Rubel …

Falls es nach den Fußballclubs geht, soll der Ball vom 9. Mai an wieder rollen. Jedenfalls dort, wo es nicht nur um Tore und Punkte geht, sondern nicht zuletzt um viel Geld – in der ersten und zweiten Bundesliga. Noch haben die Ministerpräsidenten offiziell nichts entschieden. Aber die Regierungschefs von Nordrhein-Westfalen und Bayern, Armin Laschet und Markus Söder, wirken so, als liefen sie sich schon warm für die Fortsetzung der Bundeliga-Rückrunde.

Da freuen sich viele Fußball-Fans, bei denen sich jeden Samstag um 15:30 Uhr ein Gefühl der Leere einstellt wie sonst nur in der Sommerpause. (Ich weiß, wovon ich rede und wie ich leide.) Zugleich schreckt der Ausblick auf den Wiederanpfiff jeden, der die Corona-Pandemie sehr ernst nimmt und die aktuelle Fortentwicklung des Postulats „Brot und Spiele“ zu „Kurzarbeitergeld und Fußball“ für höchst gefährlich hält.

Zugegeben: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept für die sogenannten Geisterspiele ohne Zuschauer ausgearbeitet. Die Kontakte zwischen Spielern und Betreuern vor und nach dem Spiel sollen auf ein Minimum reduziert und regelmäßige Corona-Tests der Beteiligten zur Voraussetzung für die Fortsetzung der Saison werden. Aber das erste Gebot der Pandemie-Bekämpfung, „Abstand halten“, wird bei jeder Begegnung für 90 Minuten außer Kraft gesetzt. Denn Fußball ohne Körperkontakt ist nicht möglich. Wenn beispielsweise bei einem Eckstoß Verteidiger und Stürmer im Sechs-Meter-Raum – nassgeschwitzt und schwer schnaufend – geradezu aneinanderkleben, dann ist das aus der Sicht warnender Virologen zweifellos ein GAU.

Selbst wenn es gelingen könnte, dass sich auf dem grünen Rasen ausschließlich kerngesunde Sportler sehr nahekommen, hätte eine Fortsetzung der Fußballsaison viele negative Begleiterscheinungen – zu viele:

- Mit welcher Begründung soll das Fußball-Personal regelmäßig getestet werden, wenn die Testkapazitäten nicht einmal für regelmäßige Tests vieler gefährdeter Berufsgruppen ausreichen?

- Wie soll verhindert werden, dass Fans vor den Stadien „Party machen“? Sollen deshalb etwa Polizisten Überstunden ableisten?

- Viele Fans sitzen nicht gerne allein vor dem Fernseher. Und die Sky-Kneipen sind geschlossen. Da wird es überall „Private Viewing“ geben – in viel zu kleinen Wohnzimmern.

- Der Unterhaltungswert von Spielen ohne Fangesänge, Sprechchöre, Pfeifkonzerte und Jubelschreie ist sehr gering. Spätestens nach dem zweiten Geisterspiel-Spieltag sind deshalb neue „Öffnungsdiskussionsorgien“ zu erwarten. Tenor: Lasst wenigstens 20.000 Zuschauer in eine 60.000-Mann-Arena.

- Wie sollen eigentlich Eltern ihrem Sohn erklären, dass seine Fußballhelden wieder auf Torejagd gehen, er selbst sich aber nicht einmal mit seinem besten Freund den Ball hin- und herschießen darf?

Das politische Kalkül vieler Ministerpräsidenten ist klar: Dem großen, fußballbegeisterten Teil des unter Ausgangsbeschränkungen und anderen Beschwernissen im Alltag stöhnenden (Wahl)Volk soll etwas Unterhaltung geboten werden. Aber es ist ein gefährliches Spiel, zumal dieselben Politiker selbst darauf hinweisen, dass wir das Schlimmste keineswegs hinter uns haben.

Was die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs angeht, hat der legendäre Liverpool-Trainer Bill Shankly fast alles gesagt: „Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger als das!“ In der Tat: Es geht den Clubs, der DFL und dem DFB vor allem darum, hunderte Millionen an Fernsehgeldern zu retten, die bei einem Abbruch der Saison verloren wären. Denn viele unserer kommerziellen Fußballbetriebe, nostalgisch auch Vereine genannt, haben in ihrer Maßlosigkeit beim Spielereinkauf und anderen Investitionen einen Teil künftiger Einnahmen bereits beliehen und das Geld ausgegeben. Diese Fußball-AGs haben nicht viel anders gewirtschaftet als mancher Kneipenwirt, der nach zwei Wochen ohne Umsatz vor dem Nichts steht. Aber das kann kein Grund sein, dass wir jetzt die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen lockern. Der Ball soll rollen, weil der Rubel rollen muss? Das wäre ein brutales Foul. Und darauf steht die rote Karte.

(Veröffentlicht auf www.cicero.de am 23. April 2020)


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