19.06.2019

Die K-Frage der Grünen: Mann geht gar nicht

Man kann das Ganze auch nüchtern betrachten: Die Grünen rangieren in den Umfragen da, wo sie 2011 – nach Fukushima – schon mal waren. Bei der Europawahl haben, auch daran sei erinnert, vier von fünf Wählern nicht für die Grünen gestimmt. Dennoch kassiert die Öko-Partei derzeit eine doppelte Dividende. Zum einen machen sich viele Deutsche, die gerade ihre Flugreisen in den Sommerurlaub in ferne Regionen buchen, Sorgen um das Klima. Für diese Sünde büßt man dann an der Wahlurne mit einem Kreuz bei den Grünen, ein moderner Ablasshandel. Zum anderen ist die CDU/CSU ist derzeit so schwach, dass die Grünen plötzlich stärkste Partei werden könnten. Jedenfalls theoretisch am nächsten Sonntag. Doch da wird bekanntlich nicht gewählt.

Wie auch immer: Die Grünen könnten – Stand heute – stärkste Partei werden. Deshalb brauchen sie – ebenfalls Stand heute – einen Kanzlerkandidaten. Falsch: Sie brauchen eine Kanzlerkandidatin. Denn keine Partei setzt so sehr auf Frauen-Power wie die Grünen. Und keine hat so sehr unter der Tatsache gelitten, dass die angeblich so rückständige CDU seit 2000 von einer Frau geführt wird – und außerdem die erste Frau ins Kanzleramt gebracht hat.

Angela Merkel hat heutzutage gut spotten: „Niemand lacht ein Mädchen heute mehr aus, wenn es sagt, dass es Ministerin oder Kanzlerin werden will. Es soll sogar schon Fragen geben, ob es auch ein Mann werden darf“, gab sie im Herbst letzten Jahres zu Protokoll. Da ging sie noch davon aus, Annegret Kramp-Karrenbauer werde ihre Nachfolgerin in beiden Ämtern – an der Spitze der CDU wie als Kanzlerin. Letzteres ist indes fraglich geworden, weil die Grünen gegenüber der geschrumpften Volkspartei CDU/CSU plötzlich bärenstark erscheinen.

Das drängt den Grünen eine Frage auf, auf die sie überhaupt nicht vorbereitet waren: die K-Frage. Wer soll Kanzlerkandidati*n werden und wer – im Fall des Falles – Kanzler (m/w/d)? In die vergangenen drei Bundestagwahlen sind die Grünen mit einer Doppelspitze gezogen: Mann/Frau, Fundi/Realo. Das war nicht immer einfach, aber konsequent. Schließlich macht sich keine Partei für Frauenquoten so stark wie die Grünen.

Aber jetzt heißt es: was nun? Der von den meisten Medien – vor allem von ARD und ZDF – zum Öko-Messias verklärte Robert Habeck wäre die naheliegende Wahl. Dem traut das medial programmierte Publikum die Kanzlerschaft zu. Aber was wäre das unter feministisch-emanzipatorischen Gesichtspunkten für ein schreckliches Signal? Ausgerechnet die Grünen kehren zu den Zeiten zurück, als die Machos in Union und SPD noch das Sagen hatten: Kanzler kann nur ein Mann.

Robert Habeck hat jetzt die Notbremse gezogen: Die Grünen würden in den nächsten Bundestagswahlkampf mit einer Doppelspitze ziehen – wie immer. Das wären – Stand heute – er selbst und Annalena Baerbock. Und was den Kanzlerkandidaten angehe, werde man sich zu gegebener Zeit äußern. Damit will Habeck Zeit gewinnen – und Ruhe. Denn natürlich möchte er, falls der Grünen-Hype noch länger anhält, Kanzler werden. Doch dann muss er den Grünen-Frauen und den potentiellen Wählerinnen sagen: „Meine Lieben, ich bin besser als Annalena. Nicht weil ich ein Mann bin, sondern obwohl ich einer bin.“ Nur: Das werden ihm die Berufsfeministinnen innerhalb wie außerhalb der Partei nicht abkaufen. Gut möglich, das der knuffige, stets unfrisiert erscheinende Superstar plötzlich ganz alt aussieht – wie ein in die Jahre gekommener weißer Mann eben.

Unterstellen wir einmal, es käme zu einem Duell der Spitzenkandidati*nnen AKK und Habeck. Dann müsste der grüne Heilsbringer immer betonen, „die Frau kann‘s nicht.“ Und Annalena Baerbock müsste zwangsläufig attestieren: „Die Frau kann’s nicht.“ Das wäre natürlich Verrat an den grünen Prinzipien. Falls die Grünen feministisch konsequent handeln, müsste die Parole heißen „Baerbock muss Kanzlerin werden.“ Ob sie das kann? Spielt keine Rolle. Hauptsache: eine Frau.

Veröffentlicht auf www.focus.de am 18. Juni 2019.


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