16.04.2019

„Fridays for Future“ ist ein „Protest de luxe“

Wie immer man zu den umweltpolitischen Forderungen und den „Streiks“ der Schülerinitiative „Fridays for Future“ stehen mag: Ihr Erfolg ist spektakulär. Seit vier Monaten mobilisieren sie Freitag für Freitag quer durch die Republik Zehntausende, ihre Sprecher gehen bei den öffentlich-rechtlichen Medien ein und aus und von Wissenschaftlern und Politiker kommt viel Zustimmung.

Allerdings nimmt der Hype um „Fridays for Future“ und ihre Symbolfigur, die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, groteske Züge an. Politiker und Publizisten stellen die Initiative in eine Reihe mit den großen, gewaltlosen Bürgerrechtsbewegungen, vergleichen sie mit dem Kampf der Schwarzen in den USA für ihre Bürgerrechte oder den Montagsdemonstranten in der untergegangenen DDR. Vom katholischen Berliner Erzbischof Koch ganz zu schweigen, der in den weltweiten Auftritten Gretas eine Parallele zum Einzug von Jesus in Jerusalem sieht.

Wer die während der Schulzeit demonstrierenden Schüler in eine historische Reihe mit Bürgerrechtlern stellt, mag dafür seine politischen Gründe haben - aber keine Ahnung von Geschichte. Mahatma Gandhis Kampf um die Unabhängigkeit Indiens, Martin Luther Kings Kreuzzug für die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA, Nelson Mandelas Einsatz für die Aufhebung der Rassentrennung in Südafrika oder die Montagsdemonstranten, die in der DDR erst für mehr Freiheit und dann für die Einheit auf die Straße gingen, einte eines: Sie hatten es mit Herrschenden zu tun, die mit brutaler Gewalt jeden Widerstand gegen ihre Politik zu unterbinden suchten. Diese Bürgerrechtler riskierten für ihre Überzeugungen ihre Freiheit. Nicht wenige zahlten für ihren Mut mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben.

Wie einfach haben es dagegen die „streikenden“ Schüler. Der eine oder andere Schulleiter mag sie maßregeln, mit einem Vermerk im Zeugnis wegen ihrer Fehlstunden drohen. Gut möglich, dass Eltern ihre Sprösslinge mit Nachdruck daran erinnern, dass sie von ihnen ordentliche Noten in Mathematik oder Englisch erwarten und keine Pluspunkte für Demo-Teilnahmen. Im allerschlimmsten Fall bleibt jemand, der ohnehin in der Schule nicht zu den Besten zählt, wegen des versäumten Unterrichts sitzen. Das war‘s dann auch schon. Viel Mut braucht es dazu wirklich nicht.

Die Verklärung von „Fridays for Future“ zur Bürgerrechtsbewegung ist noch aus einem anderen Grund völlig unangebracht. Anders als die wahren Bürgerrechtler werden die Freitags-Aktivisten von den „Herrschenden“ eher gehätschelt und von den meisten Medien, insbesondere von den öffentlich-rechtlichen, nach Kräften unterstützt. Wenn Teile des politischen Establishments mit Bundespräsident und Bundeskanzlerin an der Spitze die Schüler in höchsten Tönen für ihr Engagement loben, dann wird jeder Vergleich mit Dissidenten oder Freiheitskämpfern geradezu lächerlich.

Die „Fridays for Future“-Aktivisten agieren geschickt und nicht ohne Erfolg. Aber sie sind keine Widerstandskämpfer, sondern Hätschelkinder eines Teils der politischen und medialen Eliten. Wer ihren „Protest de luxe“ mit dem Widerstand gegen das SED-Regimes oder die Rassentrennung gleichsetzt, verhöhnt die wahren Bürgerrechtler.

Veröffentlicht auf www.focus.de am 15. April 2019.


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