06.12.2018

Vom Kanzlerwahlverein CDU kann die SPD was lernen

Kein Fernsehfeature über die Wahl des Merkel-Nachfolgers, kein größerer Zeitungsbeitrag, in dem nicht darauf hingewiesen wird, dass die CDU eigentlich ihre Anführer stets in Hinterzimmern auskungele. In der Tat hat es die letzte Kampfabstimmung um den Parteiovorsitz 1971 gegeben: Damals setzte sich Rainer Barzel gegen Helmut Kohl durch.

In all den Geschichten vom „Kanzlerwahlverein CDU“, der angeblich gar keine richtige Partei sei, wird immer die SPD als leuchtendes Gegenbeispiel dargestellt. In der Tat wird bei den Sozialdemokraten viel häufiger kontrovers diskutiert und fallen Entscheidungen viel öfter in Kampfabstimmung als bei der Union. Nur: Auch bei den Sozialdemokraten gab es fast immer nur einen Kandidaten für den Vorsitz. Zwei gewichtige Ausnahmen: 1995 verdrängte Oskar Lafontaine mit einem Parteitags-Putsch Rudolf Scharping von der Parteispitze. Und im April dieses Jahres musste sich Andrea Nahles gegen die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange durchsetzen. Ansonsten gilt auch bei den Genossen das Prinzip: Wer kandidiert, wird auch gewählt.

Da geht es bei der CDU jetzt ungleich offener und fairer zu als im Frühjahr bei der SPD. Die drei Bewerber Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn haben sich auf acht Regionalkonferenzen und vielen anderen Parteiveranstaltungen der „Basis“ und den Funktionsträgern vorgestellt. Der Parteiapparat verhielt sich, soweit ersichtlich, neutral. Und wer am 7. Dezember gewählt wird, ist offen.

Was für ein Kontrast zur Nahles-Kür. Damals hatte der Parteivorstand nach der Abdankung von Martin Schulz Andrea Nahles auf den Schild gehoben und hätte sie am liebsten schon lange vor dem Parteitag als geschäftsführende Vorsitzende inthronisiert. Bis dann doch einigen Genossen auffiel, dass das nach einem üblen Hinterzimmer-Deal aussah, nur nicht nach innerparteilicher Demokratie.

Schließlich bekam Nahles in Simone Lange eine Gegenkandidatin. Die aber hatte gegen den SPD-Apparat keine Chance. Es gab keine einzige öffentliche Diskussion der beiden Bewerberinnen, keine Parteiversammlungen, nicht einmal ein Streit-Gespräch in einer Zeitung oder einem Sender. Nahles verweigerte jede Auseinandersetzung, und das Willy-Brandt-Haus trommelte unverhohlen für seine Favoritin. Trotz allen Rückenwinds brachte es Nahles auf dem Parteitag nur auf magere 66 Prozent, ein Indiz für das Misstrauen, das ihr in den eigenen Reihen entgegenschlug.

Die CDU hingegen erlebt ein überraschendes Rendezvous mit der innerparteilichen Demokratie. Zweifellos hätte Angela Merkel den Stab gerne ohne Kampfabstimmung an Kramp-Karrenbauer weitergereicht, ohne große Auseinandersetzungen. Doch es sollte nicht sein. So staunt die CDU selbst über die Wirkung dieser überraschendes Vitaminspritze auf ihre eigene Befindlichkeit. Und der SPD bietet sich die Chance, etwas über offene und transparente Wechsel an der Parteispitze zu lernen - ausgerechnet von der CDU.

Veröffentlicht auf www.focus.de vom 6. Dezember 2018


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