Presse

18.07.2017 | Kress Report

Früherer "FAZ"-Herausgeber Hugo Müller-Vogg wirft Berliner Korrespondenten "Kameraderie" mit Politikern vor

Von Bülend Ürük  

Hugo Müller-Vogg, lange Zeit Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und über 40 Jahre als Journalist aktiv, wirft Politikjournalisten vor, unkritischer geworden zu sein. Laut Müller-Vogg ist der Politikjournalismus "auf der Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz zur politischen Macht" zur Nähe gekippt. Müller-Vogg beobachtet sogar einen Hang zur "Kameraderie".

Ausgerechnet im Jahr der Bundestagswahl attackiert Hugo Müller-Vogg, früher Herausgeber der "FAZ", danach Autor für Springer und Burda, die Berliner Korrespondentenschar. Müller-Vogg kann schließlich den Vergleich ziehen zwischen der Berichterstattung aus Bonn und Berlin, weil er auch schon zu Bonner Zeiten über Politik geschrieben hat.

Wer sich zu sehr mit Politikern einlasse, verliere seine Unabhängkeit, bekomme "Beißhemmungen", sagt Müller-Vogg im Gespräch mit Roland Tichy in der neuen Ausgabe von "Tichys Einblick": "Wenn ich abends mit einem Politiker beim Bier versackt bin, kann ich ihn am nächsten Morgen nur schwer in die Pfanne hauen."

Als Beispiel für zu viel Nähe zur Politik führt Müller-Vogg eine Hochzeit von Altkanzler Gerhard Schröder auf: "Dort bestand die Festgesellschaft zum großen Teil aus mit ihm befreundeten Chefredakteuren. Mehr Nähe geht kaum, oder? Andere Journalisten fühlen sich toll, wenn sie sich mit Politikern duzen. Da ist ein Hang zur Kameraderie", bedauert Müller-Vogg.

Der erfahrene Publizist beobachtet in Berlin einen "Herdentrieb": "Heute sieht jede Onlineredaktion in Echtzeit, wie die Publikumsresonanz ausfällt. Wenn ein Beitrag der Konkurrenz besonders viel geklickt und kommentiert wird, rennen die anderen sofort hinterher." Müller-Vogg konstatiert bei etablierten Medien sogar, dass die "Vielfalt auf der Strecke" bleibe: "Mir kommen konservative Sichtweisen als Gegengewicht zum rot-grünen Einheitsbrei viel zu kurz." Roland Tichy sekundiert: "Warum dieser Einheitsbrei? Theoretisch ginge es doch auch anders."

Die Berliner Hauptstadt-Journaille würde sich heute nicht mehr trauen, Politiker deutlich zu kritisieren - aus Angst, dass ihnen "womöglich weniger Informationen" zugesteckt werden würden: "Deshalb wollen sie lieber gefallen. Kurt Tucholsky hat mal gesagt, man müsse Journalisten nicht bestechen, man müsse sie nur wie eine Macht behandeln. Und das wissen die Politiker sehr wohl und handeln danach", so Müller-Vogg.

Im Interview mit kress.de über Pressefreiheit hatte Müller-Vogg schon deutlich gemacht: "Zu große Nähe und zu große Distanz sind die beiden Pole, zwischen denen sich jeder Journalist bewegt. Wer seine Seele aufgrund zu großer Nähe verkauft, kommt seinen beruflichen Pflichten nicht nach, gefährdet aber nicht generell die Pressefreiheit."

(Quelle: www.kress.de vom 18. Juli 2017)



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