Presse

25.09.2016 | Tagesspiegel

Wirkungen und Nebenwirkungen der "heute-show"

„Der Journalismus kriselt, aber die Satire boomt. Seit Dezember 2012 hat die „heute-show“ Woche für Woche mehr Zuschauer als das unmittelbar davor ausgestrahlte „heute-journal“. Die Parodie hat das Original längst überflügelt.

Die „heute-show“ des ZDF ist Motor und Ausdruck einer allgemeineren Tendenz. Besonders jüngere Zuschauer finden eine politische Berichterstattung öde, die Berliner Ereignisse mehr oder weniger nacherzählend begleitet, Parteitaktik für den Wesenskern des Politischen hält und sich den führenden Akteuren vor allem mit immanenten Fragen aus der Politikerkaste nähert. Da lachen sie lieber mit Oliver Welke in der „heute-show“. (…)

Anders als in den USA springen bei uns die Zuschauer aber nicht von den seriösen Nachrichtensendungen ab und wenden sich den Satire-Shows zu, sondern die Satire erreicht andere, meist jüngere Zuschauer als das grauhaarige Stammpublikum von „Tagesschau“ oder „heute“. Zum 50. Jahrestag des ZDF wurde die „heute-show“ sogar zur beliebtesten Sendung gewählt – vor „Wetten, dass...?“. Und in den sozialen Medien ist sie es ohnehin.

So ein Hype ruft natürlich Kritiker auf den Plan. Es gibt liberale Journalisten, die machen die „destruktiven Pointen“ der „heute-show“ mitverantwortlich für die Entfremdung zwischen Qualitätsjournalismus und Publikum. Der konservative Publizist Hugo Müller-Vogg sieht diese Sendung als „Beitrag des ZDF zur Förderung der Politikverdrossenheit“ und der Politikpsychologe Thomas Kliche sieht – laut dem ARD-Magazin „Kontraste“ vom 15. September – in der „heute-show“ sogar eine Ursache für den Aufstieg der AfD, weil die Sendung Politiker „herabwürdigt“.

Eine Detailanalyse dieser und anderer Satire-Sendungen stützt solchen Generalverdacht nicht. Die „heute-show“ ist eine Gag-Maschine, die sicher auch viele Kalauer produziert. Vor allem aber bietet sie in großer Dichte unmittelbar politische Themen: 79 der 80 im ersten Halbjahr 2016 behandelten Themen sind so zu bewerten. (…)

Satire ist Reduktion. Diese kann auch simplifizieren, aber gerade die „heute-show“ zeichnet sich immer wieder durch treffende Zuspitzung und symbolische Prägnanz aus. Und die Übertreibungen zeigen im besten Fall, wie verrückt die Wirklichkeit ist. Der investigative Journalismus ist nicht in der Lage, uns ein klares Bild davon zu liefern, wer alles außer VW noch alles in „Dieselgate“ verwickelt ist. Die „heute-show“ zählt allerlei Marken auf und sagt dann, um wen es geht: „Autos“. Sie zeigt Angela Merkel, die als „Aus-Puff-Mutter“ schützend ihre Hand über die deutsche Automobilindustrie hält. Ist das billig oder erhellend, Quatsch oder Aufklärung? (…)

„Man muss von Politik nichts verstehen, um mitlachen zu können“, moniert Müller-Vogg. Das mag sein, aber wer daraufsetzt, nur kenntnisreiche Eliten dürften mitlachen und mitreden, hat Demokratie auch nicht verstanden. Wenn es bei uns noch einen Hort der Hochachtung vor dem Journalismus gibt, dann ist er in den Satire-Redaktionen zu finden. (…)

Quelle: Der Tagesspiegel vom 25. September 2016



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