06.02.2021

Merkel hat eine zentrale Botschaft: Durchhalten

Wenn Politiker eine Botschaft haben, dann müssen sie diese ständig wiederholen. Nur so haben sie eine Chance, dass bei den Bürgern etwas hängen bleibt. Angela Merkels zentrale Botschaft beim Kampf gegen das Corona-Virus lautet in der Kurzfassung: „Durchhalten bis wir durch sind mit dem Impfen. Dann wird alles wieder besser.“ Das hat sie am Mittwochabend in einer Sondersendung der TV-Sender RTL und ntv gesagt. Das hatte bereits am Dienstag in der ARD nicht anders geklungen. Das wird auch beim nächsten Mal so sein, wenn sie wieder vor Kameras und Mikrofone tritt.

Die Kanzlerin weiß, dass der Lockdown mit seinen schwerwiegenden wirtschaftlichen und menschlichen Folgen bei allen an den Nerven zehrt. Auch ist ihr bewusst, dass die Zustimmung zu ihrer Corona-Politik schwindet, weil die Menschen nicht verstehen, dass andere Länder beim Impfen viel weiter sind. Aber da räumte sie keine Versäumnisse ein: „Es ist einfach nicht erwiesen, dass, wenn wir mehr bezahlt hätten oder mehr bestellt hätten, wir am Anfang mehr bekommen hätten,“ erklärte sie dem RTL-Publikum. Die naheliegende Nachfrage, ob es nicht zumindest einen Versuch wert gewesen wäre, Impfstoff früher zu bestellen und höhere Preise zu bieten, wurde freilich nicht gestellt.

Altmodische Arbeitsteilung der Moderatoren

„Deutschland braucht Antworten,“ hatte RTL-Politikchef Nikolaus Blome eingangs markig formuliert. Doch Deutschland erfuhr auch bei diesem TV-Auftritt der Kanzlerin nicht, wann mit Lockerungen der Corona-Beschränkungen zu rechnen sei. Mit Verweis auf die schwer vorherzusehenden Folgen der Virus-Mutation will Merkel „keine falschen Hoffnungen wecken“. Deshalb versuche sie, „immer realistisch zu sein.“ Folglich hat für Merkel „maximale Flexibilität“ Vorrang vor einer Langzeitstrategie. Blomes gelegentliche Versuche, die Kanzlerin zu konkreteren Aussagen zu bewegen, scheiterten. Seinen Hinweis auf die Deutschen als „Impfdeppen des Planeten“ überhörte sie einfach.

Blome und RTL-Moderatorin Frauke Ludowig hatten sich auf eine Arbeitsteilung verständigt, die an Zeiten erinnerte, als Frauen im Fernsehen allenfalls als Ansagerinnen eine Rolle spielten: Er stellte die politischen, sie die menschlichen Fragen. So wollte Ludowig wissen, ob Merkel persönlich Menschen kenne, die in dieser Pandemie um ihre Existenz bangten (ja, gleich mehrere), wieso sie trotz geschlossener Friseursalons gut frisiert sei (da hilft eine Assistentin unter Beachtung der Hygienevorschriften), ob die Kanzlerin Corona-Schicksale „mit nach Hause nimmt“ und nachts manchmal wach im Bett liege? Dass die Kanzlerin beides bejahte, konnte wohl niemanden überraschen, auch dass nicht alles spurlos an ihr vorbei geht. Diese Fragen schienen der Kanzlerin gut zu gefallen, konnte sie sich doch von ihrer empathischen Seite zeigen, was sie vor Corona eher selten tat.

Mehr TV-Auftritte als jemals zuvor

Aber Corona ist eine besondere Herausforderung. Deshalb nutzt die Kanzlerin die Möglichkeit, sich über die Medien direkt an die Bevölkerung zu wenden, intensiver als jemals zuvor in ihrer mehr als 15-jährigen Amtszeit. Nach ARD und RTL/ntv werden wohl, wenn nicht alles täuscht, Auftritte im ZDF und bei SAT.1 folgen. Doch unabhängig vom Sender und davon, ob sich die Fragesteller eher als Stichwortgeber oder eher als „Anwälte der Anklage“ verstehen, wird Merkel ihre Botschaft so schnell nicht ändern: „Durchhalten bis wir durch sind mit dem Impfen. Dann wird alles wieder besser.“

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 24. Februar 2021)


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