17.12.2020

Wer hört mit?

Hintergrundgespräche gehören in der Hauptstadt zum Alltag, jene Runden, in denen Journalisten mit Politikern „unter drei“ sprechen: Nichts darf zitiert werden. Nur so sind die Kanzlerin, Minister oder Abgeordnete bereit sind, mehr zu sagen, als das, was ohnehin bekannt ist. Vertrauliche Runden in den Nebenzimmern von Restaurants, in Landesvertretungen oder in Sitzungszimmern des Bundestags sind aber in Zeiten von Corona nur noch bedingt möglich – jedenfalls dann, wenn die Beteiligten die AHA-Regeln einhalten wollen.

Deshalb hat bereits beim ersten Shutdown im März die Digitalisierung dieser Runden begonnen. Statt bei Speis‘ und Trank‘ werden Politiker virtuell gegrillt: Der Befragte ist in seinem Büro, die Fragenden sitzen in der Redaktion oder im Homeoffice. Was technisch klappt, aber auch einen Nachteil hat: die eigeschränkte Vertraulichkeit. Denn beim Video-Hintergrund weiß der oder die Eingeladene nicht, ob da nicht auch andere zuhören. Das können dem Politiker völlig unbekannte mithörende Redakteure sein oder der Sohn eines Journalisten, der sich mit dem Aufgeschnappten vielleicht irgendwo wichtig tut. Da stößt die ach so gerne beschworene Digitalisierung an ihre Grenzen. Es gibt Minister und Ministerpräsidenten, die sich auch jetzt nur analog auf hintergründige Gespräche einlassen – mit Abstand natürlich.

Veröffentlicht in CICERO – Magazin für politische Kultur, Dezember 2020.


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