24.09.2020

Verdi fordert 4,8 %: Gebt es den Helden – aber nicht den Trittbrettfahrern

Arbeitskämpfe im öffentlichen Dienst sind nie normale Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Hier können die Beschäftigten ihre Arbeitgeber nicht durch Warnstreiks und Streiks schädigen. Bei einem Ausstand im öffentlichen Dienst werden vielmehr Bürger als Geiseln genommen, die mit der Tarifauseinandersetzung gar nichts zu tun haben: Patienten in kommunalen Krankenhäusern, Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr, Eltern von Kita-Kindern. Das Kalkül der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist ebenso kühl wie unsozial: Wenn viele Operationen verschoben werden müssen, wenn Eltern vor die Wahl zwischen Kinderbetreuung und Arbeit gestellt werden, wenn Berufstätige nicht oder nur schwer an ihren Arbeitsplatz kommen können, dann werden die Arbeitgeber schon nachgeben.

4,8 % passen nicht zu Wirtschaftslage

Der Gewerkschaft ist wohl bewusst, dass eine Forderung von 4,8 Prozent nicht zur aktuellen Wirtschaftslage passt, die von Umsatzeinbrüchen, rückläufiger Beschäftigung, einer drohenden Insolvenzwelle und leeren öffentlichen Kassen geprägt ist. Deshalb schieben sie die „Corona-Helden“ unter den Beschäftigten vor. Ja, wir haben denen viel zu verdanken, die während des Shutdowns aufopferungsvoll Kranke gepflegt, alte Menschen betreut, die Notversorgung in den Kitas sichergestellt oder die öffentlichen Versorgungsbetriebe am Laufen gehalten haben. Nicht zu vergessen die Mitarbeiter der Gesundheitsämter, die ebenfalls über Gebühr gefordert waren und es immer noch sind. Hier hat die Corona-Krise deutlich gemacht, dass in vielen Bereichen die Bezahlung weder der dort erbrachten Leistung entspricht noch der Bedeutung dieser Einrichtungen für unser Alltagsleben. Dass hier Einkommenserhöhungen, auch Höhergruppierungen, notwendig sind, steht außer Frage.

Nicht alle Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sind Helden

Verdi verschweigt aber, dass keineswegs alle der 2,4 Millionen Beschäftigten in den Städten und Kreisen nach Ausbruch der Pandemie zu Helden geworden sind. Im Gegenteil: Weil in vielen öffentlichen Einrichtungen nur noch das Notwendigste erledigt wurde, konnten viele Schreibtisch-Akteure bequem zu Hause bleiben. Bei Kurzarbeit stand ihnen 95 Prozent ihres Gehalts zu. Wer wegen der Betreuung der eigenen Kinder nicht arbeiten konnte, musste gar keine Abstriche hinnehmen. Und dies alles in dem beruhigenden Gefühl, nach der Normalisierung des Arbeitsalltags wieder auf den eigenen, sicheren Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Und jetzt will Verdi sie zu Trittbrettfahrern von Corona-Zuschlägen machen? Absurd!

Die Gewerkschaften sollten die Bevölkerung nicht länger mit falschen Parolen zu täuschen versuchen. Wer es ernst meint mit strukturellen Verbesserungen zugunsten unserer „Corona-Helden“, der muss sich schon die Mühe machen, unterschiedliche Forderungen für unterschiedliche Berufsgruppen zu erarbeiten. Dasselbe gilt übrigens auch für die öffentlichen Arbeitgeber. Ihnen ist es nicht verboten, selbst Vorschläge für eine Besserstellung von Pflegekräften oder Erziehern zu machen. Im Gegenteil: Es wäre ein kluger Zug, wenn sie eigene, berufsspezifische Lösungsvorschläge dem Ruf nach einer kollektiven Gehaltserhöhung entgegensetzten. Ganz abgesehen davon: Für einen 4,8 Prozent-Schluck aus der Pulle ist ohnehin kein Geld da. Die Pulle ist nämlich leer. Was noch verteilt werden kann, muss deshalb gezielt verteilt werden: Mit der Gießkanne und nicht über die Sprinkleranlage.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 23. September 2020)


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