09.11.2017

Koalitionspuzzle: Hier muss zusammen passen, was nicht passen kann.

So geht es manchmal zu im Leben: Man kann sich seine Spielgefährten nicht immer aussuchen. Eigentlich hätte Angela gerne mit dem Martin gespielt, weil sie mit dessen Kumpel Sigmar immer viel Spaß hatte. Aber der Martin hat ihr herzlos klargemacht: Mit dir spiel‘ ICH nicht. Immerhin war auf den Horst Verlass. Der schummelt zwar gern und wird manchmal auch frech - aber mitspielen will er immer. Auch die Katrin war ganz wild darauf, mittun zu dürfen. Und richtig happy war der Christian. Für den war das Spielzimmer lange verschlossen gewesen. Aber er hatte so lange an der Tür gerüttelt, bis sie aufging.

Da saßen sie nun, wollten irgendetwas miteinander machen. In einem waren sie sich einig: Wir vier bleiben unter uns. Die Sahra und der Alexander dürfen nicht mitmachen. Die wollen immer so komische Sachen machen. Außerdem, so das einhellige Urteil, sei die Sahra doof. Soweit waren sich die Vier aus der Spielecke einig: Wir machen etwas Gemeinsames. Aber was?

Da hatte Angela eine Idee: „Wir puzzeln“. „Aber das ist doch nichts Gemeinsames“, maulte Katrin. „Das fördert nicht den Team-Spirit.“ "Team Spirit, was ist denn das?“, rief Christian. "Jeder soll zeigen, was er kann. Ich habe ein Foto-Puzzle von mir dabei. Darauf bin nur ich zu sehen. Das kann ich ganz schnell zusammenbauen, selbst im Dunkel." "Bin auch dafür, dass jeder macht, was er will – solange ich das auch will“, brummelte Horst. "Schluss jetzt mit dem Gezerre“, sprach Angela ein Machtwort und zog die Mundwinkel gefährlich weit nach unten. "Ich habe eine Idee: Jeder holt sein Lieblings-Puzzle, wir werfen die Einzelteile zusammen und machen zusammen ein Riesen-Puzzle daraus." Das fand Zustimmung, wenn Katrin auch auf einer basisdemokratischen Abstimmung bestand. Also wurde abgestimmt: 3 Ja-Stimmen bei einer Enthaltung von Christian - "aus grundsätzlicher Abneigung gegen jede Art von kollektivistischer Lösung."

Und los ging‘s. Jeder zerlegte sein Lieblings-Puzzle in seine Einzelteile - Christian sein Selbstporträt ebenso Horst sein weiß-blaues Panorama mit schneebedeckten Bergen, klaren Seen samt Lederhosen-Trägern mit Laptop. Katrins Holz-Puzzle, bemalt mit Bio-Farben, war besonders farbenfroh: viel Grün unter einem strahlend blauen Himmel, dazwischen silberne Windräder und glückliche Menschen verschiedener Hautfarben, viele davon mit Kopftüchern. Und Angela? Die hatte ein etwas seltsames Europa-Puzzle dabei - mit Berlin als geografischem Mittelpunkt und Europastraßen, die alle direkt in die deutsche Hauptstadt führten und am Kanzleramt endeten.

Da lagen sie nun: 16.000 ausgestanzte Teile aus vier verschiedenen Puzzels, ein riesiger Berg. Eifrig begannen die Vier, Einzelteile zusammenzusetzen. Sie wussten nicht, was sie da eigentlich zustande bringen wollten, wie das gemeinsame Bild aussehen sollte. Sie wussten nur, dass es irgendwie groß werden sollte und irgendwie passend. Dass das nicht einfach werden würde, sah man schon bei der ersten oberflächlichen Sondierung. Bei den Puzzles von Horst und Angela hatten die Einzelteile dieselbe Form. Bei Christian waren dagegen andere Stanzen verwendet worden. Und die hölzernen Puzzleteile von Katrin waren eigentlich zu dick, um sich mit den anderen zu einem Gesamtbild zusammenfügen zu lassen.

So wurde das kein fröhlicher Spielnachmittag. Immer wenn einer aus der Runde zwei Teile zusammenzufügen versuchte, behauptete mindestens ein anderer, das passe nicht zusammen. Vor allem Christian und Katrin stritten ständig miteinander, wenn es darum ging, welches Teil mit welchem harmonieren könnte. Auch Angela und Horst wurden zunehmend gereizt. Sie konnten versuchen, was sie wollten: So gut wie nichts passte zusammen. Wie auch, wenn kaum etwas zusammen gehörte? Bis einem die scheinbar rettende Idee kam: „Wir nehmen eine Schere und eine Säge und schneiden uns zurecht, was zusammen passen muss“. „Eine Schere?", rief eine entsetzt. Und ein anderer schrie: "Hier wird nichts zersägt, nicht mit mir!" So kam es zu einem Kompromissvorschlag: "Warum einzelne Puzzle-Teile nicht mit etwas Gewalt zusammensetzen? Warum nicht mit einem Hammer?"

Jetzt war es aus mit der guten Stimmung im Kinderzimmer. Jeder schimpfte mit jedem, schrie und tobte herum. "So geht's nicht!" "Nicht mit mir". "Ich lasse mir doch von Euch nicht mein schönes Bild zersägen oder zerhämmern!". Man hörte den Streit, die Beleidigungen und Schuldvorwürfe bis nach draußen, zumal die Balkontür offen stand. Aber die Vier konnten sich einfach nicht darüber verständigen, wie es weitergehen sollte. Und so puzzelten und stritten sie weiter - ziemlich planlos. Nur Angela gab immer wieder Durchhalteparolen aus: "Wat mutt, dat mutt". Immerhin erreichten sie nach vielen, vielen Stunden – von einem Gesamtbild war immer noch nichts zu sehen - einen Kompromiss: Die Balkontür wurde geschlossen.

Veröffentlicht auf www.cicero.de am 8. November 2017.


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