Presse

16.07.2009

„Glauben Sie Umfragen kein Wort“



Müller-Vogg stellte zunächst klar, dass er den Online-Journalismus nicht für Journalismus zweiter Klasse halte, dieser in puncto Qualität gegenüber Print allerdings noch Aufholbedarf habe. Den Qualitätsrückstand führt er insbesondere auf die Personalsituation in den Online-Redaktionen zurück. Hier werde zum einen weniger investiert, da die Online-Ableger größtenteils nicht profitabel arbeiteten. Zum anderen sei das Ansehen von Print bei Nachwuchsjournalisten noch immer höher, sodass es Online-Redaktionen nicht unbedingt gelinge, die besten Talente für sich zu gewinnen. Dies sei nicht zuletzt auch dem Erfolgsgefühl zuzuordnen, eigene gedruckte Artikel in der Hand zu halten. Laut Müller-Vogg wird sich die Personalsituation allerdings bald ändern. Er prognostiziert, dass die Bedeutung der Online-Medien in etwa zehn Jahren größer sein werde als die von Print. Dies mache sie dann sowohl für die Werbetreibenden als auch für den Nachwuchs reizvoller, der ohnehin bereits mit dem Internet aufgewachsen sei und dem Print-Produkt nicht unbedingt ein höheres Ansehen zuspreche.

Ein Verschwinden des Print-Produkts schließt Müller-Vogg jedoch aus, er sieht vielmehr eine Umkehr der Volumenverhältnisse: Heute werde im Online-Portal einer Zeitung ein Ausschnitt aus dem Print-Produkt angeboten, in Zukunft könnte das Print-Produkt ein Ausschnitt aus dem Online-Portal sein. In diesem Zusammenhang zitiert er Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, der hierzu in einem Interview feststellte: „Wir sind Content-Anbieter, die Form de Verbreitung ist sekundär.“

Eine Vereinheitlichung des Nachrichtenangebots fürchtet Müller-Vogg nicht. Dasselbe Geschehen könne durch unterschiedliche „Verpackung“ - also Bebilderung, Überschriften etc. - weiterhin unterschiedlich dargestellt sowie mit verschiedenem Zusatznutzen angereichert werden. Ohnehin seien große Differenzierungen zwischen den einzelnen Zeitungen nicht zwingend notwendig, da Leser in der Regel nicht die Plattformen verschiedener Regionalzeitschriften nutzten.

Eine große Gefahr sieht Müller-Vogg hingegen in der unkritischen Übernahme von Informationen aus Online-Quellen. Er identifiziert im Online-Bereich eine geringere Hemmschwelle, beispielsweise Gerüchte zu publizieren, die sich dann unaufhaltsam und schnell verbreiten, sobald die Medien sich auf eine Quelle berufen können, die zuerst berichtet hat. Gleichzeitig spricht er dem Internet teileweise eine qualitätssichernde Funktion für die Print-Produkte zu. Durch die Schnellligkeit des Internet könne beispielsweise eine Aussage eines Politikers über ein Vorhaben der Konkurrenzpartei am Morgen publiziert und am Mittag bereits dementiert werden, sodass das Thema erledigt sei und nicht mehr in der Tageszeitung am Folgetag aufgegriffen werde.

Generell gilt für Müller-Vogg: „Je größer der Zeitdruck, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schief geht.“ Dies werde wiederum durch die Personalkürzungen verschärft, zudem gebe es Journalisten, die beispielsweise nach einer Pressekonferenz zunächst eine kurze Nachricht für das Internet und im Anschluss noch einen Print-Artikel schreiben müssten. Im Online-Bereich werde ebenfalls den Volontären schneller die Chance gegeben, selbst etwas zu publizieren, nicht zuletzt aus dem Grund, dass es im Zweifel schnell korrigiert werden kann.

Den wachsenden Chancen für die PR im Bereich Online-Medien stimmt Müller-Vogg zu, sieht die Ursache allerdings im Personalmangel der Redaktionen, nicht im gesteigerten Aktualitätsdruck: „Wo redaktionell gespart wird, gewinnt die PR.“


Aus: Königsteiner-Woche vom 16. Juli 2009



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Müller-Vogg am Mikrofon

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