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14.04.2011

Hurra, die schwarz-gelbe Wende ist da – Frauen-Ministerin entdeckt Männer-Politik

Vielleicht werden unsere Kinder und Enkel uns eines Tages fragen, wie wir denn den 14. April 2011 erlebt haben? Denn das war – der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sei Dank – beileibe kein Tag wie jeder andere. Es war der erste „Jungen-Zukunftstag - Boys’ Day“, den diese Republik erlebt hat. Und das „auf meine Initiative“ hin, wie die stolze Ministerin Kristina Schröder (CDU) verkündete.

Wer es bisher nicht bemerkt hat: Offenbar ist sie endlich da, die geistig-politische Wende der christlich-demokratischen Koalition. Unter Rot-Grün wurden bekanntlich die Frauen gefördert. Die sollen es auch unter Schwarz-Gelb gut haben – mit und ohne Quote. Aber die Ministerin will von nun an ebenso die Männer fördern. Männerpolitik im Frauenministerium – darauf muss man erst einmal kommen. (Ob da nicht eine Umbenennung in „Ministerium für Familie und Menschen“ angezeigt wäre?)

Diese neue Zeit begann am 14. April damit, dass zwölf oder vierzehnjährige Jungen sich in Kindergärten oder Altenheimen umschauen durften. Da sollten sie erfahren, dass Erziehung und Pflege keineswegs typische Frauenberufe sind. So wie Mädchen zeitgleich – beim 11. „Girls’ Day“ – erleben sollten, wie „cool“ es zum Beispiel ist, an einem Auto herumzuwerkeln.

Nun ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, dass junge Leute möglichst früh lernen, wie viele verschiedene Berufe es gibt. Und dass nirgends geschrieben steht, dass „mann“ sich für Technik zu interessieren habe und „frau“ fürs Fürsorgliche. Oder dass junge Männer sich zum Studienrat berufen fühlen, junge Frauen dagegen eher zum Grundschuldienst.

Fragt sich nur, ob der Staat hier zum Eingreifen verpflichtet ist. Anders gefragt: Fällt ausgerechnet einer CDU/FDP-Regierung nichts Besseres ein, als auf die Ministerialbürokratie zu setzen, wenn der Anteil von Studentinnen in den naturwissenschaftlichen Fächern unterdurchschnittlich ist? Oder sind hier nicht in erster Linie Wirtschaft und Wissenschaft gefordert?

Gleiches gilt für den vom Schröder-Ministerium beklagten Mangel männlicher Erzieher in Kitas. Falls es pädagogisch sinnvoll und für das Gemeinwesen förderlich ist, wenn die lieben Kleinen nicht nur von „Tanten“, sondern auch von „Onkeln“ betreut werden, müssten sich dann nicht in erster Linie die privaten wie öffentlichen Träger der Kindertagesstätten darum kümmern und nicht Berliner Ministerialräte?

Nein, das Abendland ist nicht gefährdet, wenn eine Frauen-Ministerin versucht, ihr eigenes Tätigkeitsfeld auf Männerpolitik auszuweiten. Da bricht sich nicht unbedingt eine übersteigerte Staatsgläubigkeit der CDU-Politikerin Schröder Bahn. Vielmehr dürfte es sich um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ein Ressort mit kleinem Radius und unscharfem Profil handeln.

Wer glaubt, die berufliche Neugier von Kindern in bestimmte Bahnen lenken zu müssen, der kann eigentlich nicht früh genug damit beginnen. Da läge es – zugespitzt formuliert – eigentlich nahe, Eltern würden verpflichtet, ihre Söhne mit Puppen und ihre Töchter mit Autos spielen zu lassen. Damit bei den einen die eventuell vorhandene pflegerische Neigung geweckt und bei den anderen der möglicherweise verborgene Sinn für Technik gefördert werden kann. Sollten Eltern dem nicht nachkommen, bliebe immer noch die Kürzung des Kindergeldes als Sanktion.

So weit denken sicher noch nicht einmal die entschiedensten Gesellschafts-Veränderer in Schröders Ministerium. Doch bleibt ein gewisses Unbehagen: Ein Staat, der – aus welch edlen Motiven auch immer – stets nach neuen Betätigungsfelder sucht, der strebt den betreuten Bürger an, nicht den selbstbewussten und selbständigen – und zwar ohne Rücksicht aufs Geschlecht.

Erstveröffentlichung: www.cicero.de



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